Neulich am Morgen…

Interpretation des Songtextes „Your endless dream“ von Get well soon

Mann und Frau – diese Kombi geht immer. In Büchern, Filmen und nicht zuletzt in Liedern. Besonders in Form von Duetten. Deshalb möchte ich euch auf keinen Fall eines der schönsten Duette vorenthalten, das ich kenne: “Your endless dream” von der deutschen Band Get well soon.
Wer sie noch nicht kennt: Sie ist ein Musikprojekt um Songschreiber, Sänger und Multiinstrumentalist Konstantin Gropper.
Lange Zeit dachte ich, dass es in ”Your endless dream” um Liebe geht, aber irgendwann ging mir ein Lämpchen an, dass das Thema wohl ein ganz anderes ist….

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Eine Liebeserklärung

„New York Morning“ von Elbow, zu hören auf „The take off and landing of everything“ (2014)

Hat Musik bei euch schon mal den Wunsch ausgelöst, eine Stadt unbedingt sehen zu wollen? New York ist mein Sehnsuchtsort, denn gleich zwei großartige Bands beschäftigen sich mit dieser Stadt. Die dänische Band Kashmir und Elbow aus dem UK.
Beide haben ihren Tribut an die Stadt, die niemals schläft, in Musik gegossen. Was ist nur an dieser Stadt, dass ihr so viele musikalische Denkmäler gesetzt werden? Ich hoffe, ich werde es eines Tages herausfinden.

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Das Warten ohne Ende

„The Outlaw torn“ von Metallica, zu hören auf „Load“ (1996) oder „S&M“ (1999)

Trauer – damit verbindet man zunächst Stille, Schweigen, Abkapselung. Dass Trauernde aber auch wütend sein können, zeigen Metallica im Song “The outlaw torn”.

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Machst du jetzt den Kakao – oder nicht??

Zwischen all den bedeutungsschweren Texten mal was Lustiges. 😉

Leidenschaft als Droge oder Drogen als Leidenschaft?

„Smells like teen spirit“ von Nirvana, zu hören auf „Nevermind“ (1991)

1999 – für mich das Jahr von MTV und den 2Rock-Charts. Was für eine glorreiche Zeit! Einmal in der Woche saßen meine Schwester und ich vor dem Fernseher und verfolgten mit fast heiliger Andacht die neuesten Rock-Videos.

Fast zeitgleich machte mich meine Schwester auf Nirvana aufmerksam. Sie eines Tages: “Kennst du schon Nirvana?” “Äh…nein?” “Waaas, du kennst nicht Nirvana?!”

Ich weiß nicht mehr wie, aber kurz darauf besaß ich “Nevermind” und “In Utero” auf KASSETTE (Manch einer kennt es vielleicht noch: Gelegentlich verhedderten sich die Bänder, die dann mittels eines Stiftes wieder sorgsam aufgerollt werden musste).

Kassette

Zurück zu Nirvana: Ich war hin und weg. Kurt Cobains Stimme, die Melodien, der Ausdruck – mächtig viel Futter für mein rebellisches, melancholisches Teenager-Ich, das 1999 so langsam erwachte.

Und auch 17 Jahre später liebe ich die Musik von Nirvana immer noch (wer nicht?). Wenn Nirvana’s “Smells like teen spirit” im Club kommt, bin ich eine der ersten auf der Tanzfläche.
Um diesen Song meinen Tribut zu zollen, möchte ich mich heute mit dessen Text auseinandersetzen. 

Ich gebe zu, dass ich mich schwer getan habe, eine stimmige Erklärung für die Lyrics zu finden. Deshalb habe ich recherchiert. Zwei Interpretationen der User BiPolarBer und Jurinushi auf songmeanings.net haben mich am meisten überzeugt. Für BiPolarBer geht es in dem Song um Drogen, für Jurinushi um die Band Nirvana selbst. Und beide finden gute Gründe für ihre Sichtweise. Schauen wir mal.

Load up on guns, bring your friends
It’s fun to lose and to pretend
She’s over-bored and self-assured
Oh no, I know a dirty word*

Für BiPolarBer sind die “Guns” die Spritzen, die vor einer Party geladen werden, mit einer gewissen desaströsen und gleichzeitig selbstzufriedenen Stimmung. Das “schmutzige Wort” ist für ihn Heroin.

Jurinushi meint dagegen, die ersten Strophen zeichneten das Bild von High School-Teenagern, die sich aus purer Langeweile bekriegen. Außerdem erzählten sie von jungen Mädchen, die vorgeben, gelangweilt zu sein und damit älter wirken wollen. Das schmutzige Wort für ihn: “Bitch”.

Hello, hello, hello, how low
Hello, hello, hello, how low*

BiPolarBer meint, Sprecher dieser Worte seien Menschen, die versuchen, jemanden wach zu halten, der sich eine Überdosis gegeben hat und fast über den Jordan geht.

Jurinushi:  “Now imagine the high-school gym hall, filled up with the students we described above, that are waiting to listen to a rock band from their school. The first word in the microphone, to salute and also to test the audio system, is “Hello”. It echoes through the loudspeakers “hello, hello, hello, …”

With the lights out, it’s less dangerous
Here we are now, entertain us
I feel stupid and contagious
Here we are now, entertain us
A mulatto, an albino, a mosquito, my libido
Yeah, hey*

BiPolarBer: “With the lights out…” – laut des Kommentators präsentiert diese Zeile das wohlige Gefühl nach dem Schuss. Für mich repräsentiert es auch den schlichten Fakt, dass es weniger gefährlicher ist (im Sinne von erwischt werden), wenn man Drogen im Dunkeln nimmt. Die Zeilen “Here we are now, entertain us, I feel stupid and contagious” fassen das Hochgefühl und den anschließenden Kater nach den Drogen in Worte. “Mulatto” symbolisieren für BiPolarBer das Heroin (Black Tar Heroin färbt das Wasser braun), “albino” Kurt selbst, “mosquito” die Nadelspitze und “My Libido” bedeute, dass der Sprecher Heroin stärker begehre als Sex.

Jurinushi: Er sieht darin den Beginn eines Nirvana-Konzertes in den frühen Jahren, als sie noch nicht berühmt waren und eine gewisse Selbstsicherheit hatten (“I feel stupid…”). Mulatto, albino und mosquito – das seien Krist Novoselic (“with black hair, black beard, big face, who looked like a mulatto”), Kurt Cobain und Dave Grohl (Mosquito wegen seines Fliegengewichts), so wie sie das Publikum sieht. “My libido” – das steht für die Band Nirvana selbst, ihre Leidenschaft, ihre Freude. 

I’m worse at what I do best
And for this gift I feel blessed
Our little group has always been
And always will until the end*

Hier überschneiden sich die Interpretationen der beiden Kommentatoren. Für beide geht es um einen Künstler, der mit seiner Kunst nie zufrieden ist, dies aber als Segen empfindet, da es ihn antreibt, immer besser zu werden. Die “litte group” ist natürlich Nirvana, von der sich der Sprecher nicht vorstellen kann, dass sie sich jemals auslöst.

And I forget just why I taste
Oh yeah, I guess it makes me smile
I found it hard, it’s hard to find
Oh well, whatever, never mind*

Diese Zeilen drehen sich wiederum mehr um Drogen. Der Sänger weiß nicht mehr genau, warum er diese probiert hat; er vermutet, weil es ihn zum Lächeln bringt. Die letzten Zeilen dagegen wirken verwirrt und unzusammenhängend. Entweder hat der Erzähler einen drogenbedingten Gedächtnisausfall oder es trifft Jurinushis Theorie zu: Demnach seien die letzten Zeilen die Manifestation eines Blackouts auf der Bühne und des Versuchs trotzdem irgendetwas zu singen.

A denial*

Eine Verweigerung? Ablehnung? Beides passt sowohl auf die Drogen- als auch auf die Band-Theorie. Denn wer Drogen nimmt, steigt aus der “normalen” Gesellschaft aus; weigert sich, an ihr teilzuhaben. Aber auch das Leben als Künstler – zum Beispiel als Sänger und Musiker – kann  als Weigerung gesehen werden, ein gewöhnliches Leben zu führen.

So weit, so bedeutungsschwer. Es gibt aber auch andere Meinungen. DreamlessNights schreibt: This song’s a joke. No really, it is.  One of his ex girlfriend’s spraypainted „Kurt smells like teen spirit“. Well „Teen Spirit“ is a deodrant. He didn’t know that back then (found out after the song was released) and thought it was a good revolution slogan. Long story short, he used that title to make a joke song about a „revolution“. That’s all it is, a joke.“

Was meint ihr zu den Interpretationen? Worum geht es bei „Smells like teen spirit“ für euch? Oder ist am Ende der Text eines der berühmtesten Lieder der Welt nur ein Witz?

*(written by Kurt Cobain, Dave Grohl and Krist Novoselic; Songtext-Quelle)

 

Neidischer Teufel

„Bliss“ von Muse, zu hören auf Origin of Symmetry (2001)

Wer von uns ist schon ein guter Mensch? Ich meine, so richtig gut?  Viel zu oft sind wir voller Groll über unsere Mitmenschen, ungeduldig und genervt. Umso faszinierter bin ich von – leider seltenen – Menschen, die immer friedlich, geduldig sind und eine Liebe ausstrahlen, die einen den Atem raubt.

Davon handelt für mich das Lied “Bliss” von Muse.

“Everything about you is how I’d want to be”

Ein eindeutiger, aber dadurch nicht minder starker Satz: Der Sprecher möchte so werden wie die bewunderte Person.

“Your freedom comes naturally”

Von welcher Freiheit ist die Rede? Für mich bedeutet sie ein Zustand, den nur wenige wohl erreichen: die Freiheit davon anderen zu gefallen. Diese Person lebt aus sich selbst heraus, ohne sich um die Meinung anderer zu kümmern, aber nicht aus Ignoranz oder Arroganz heraus, sondern weil sie ihrer innere Stärke aus lebt.

“Everything about you resonates happiness”

Klarer Fall: alles, was diese Person tut, macht glücklich. Vor allem andere.

“Now I won’t settle for less”

Gesungen mit einem leicht aggressiven, drängenden Unterton. Der Erzähler will sich mit nichts weniger als diesem Glück der anderen Person zufrieden geben. Er will es haben.

“Give me  all the peace and joy in your mind”

Für mich klingt hier auch Verzweiflung durch. So als wüsste er, dass er diesen Frieden und diese Freude nie erreichen kann.

“Everything about you pains my envying”

Jetzt wird’s noch düsterer. Alles an der bewunderten Person, ruft Neid hervor, der wehtut. Bis hin zu Hass.

“Your soul can’t hate anything”

Auch das noch! Nun fühlt sich der Sprecher noch minderwertiger.

“Everything about you is so easy to love”

Man möchte den Boden küssen, auf denen diese Menschen gegangen sind.

“They’re watching you from above”

Das ist die Zeile, die mich in Grübeln brachte, ob hinter dem Lied nicht doch noch eine religiöse Bedeutung steckt. Wer sind “sie”? Und warum beobachten sie diese engelsgleiche Person von oben? Noch ein Hinweis: “Judgement from above”, zu gut Deutsch: Die Strafe Gottes.

So könnte es also in dem Lied um einen Heiligen gehen: Unbescholten, voller Rückhalt, heiter in Gemüt, in Gedanken und Taten, alle Menschen liebend.

Aber was sagen andere Leute zu „Bliss“? Auf songmeanings.net schreibt mejoff:  “I’ve always heard this song (especially in the context of the video) as the thoughts of a Miltonian Satan on Humanity. […] something about how the word ‚they‘ feels in this line is loaded with so much hatred, like the hatred Satan feels for the loyal angels above”

User floozy schreibt: “I saw an interview in which matt bellamy said that this song is about loving somebody just for who they are and not wanting anything in return.” 

Aber ob das so wahr ist? Nichts zurück haben wollen? Ich finde, dafür ist der Song zu fordernd, drängend: “GIVE me all the peace and joy in your mind”

Wahrscheinlich wollte Matt Bellamy nicht mit der wahren Bedeutung rausrücken, was ja als Künstler sein gutes Recht ist.

Was meint ihr? Warum geht es in Bliss (für euch)?

 

29 Jahre Einsamkeit

„Slow Show“ von „The National“, zu hören auf „Boxer“ (2007)

Ach ja, die Liebe. Über nichts in der Welt werden so viele Lieder gesungen. Leider nicht immer Gute.

Aber heute will ich euch einer meiner absoluten Lieblingsliebeslieder vorstellen: Slow Show, von der US-amerikanischen Band „The National“. Darin: Mit die schönsten Zeilen über die Liebe, die je geschrieben wurden.

Das Lied ist einfach hinreißend und verfehlt es niemals, mich glücklich zu machen. Aber sehen wir uns den Text mal näher an.

“Standing at the punch table, swallowing punch. Can’t pay attention to the sound of anyone.”

Wir haben es mit einem sehr nervösen Erzähler zu tun, der ziemlich viel einstecken muss. Wahrscheinlich im metaphorischen Sinn.

“A little more stupid, a little more scared. Every minute, more unprepared.”

Hier spricht jemand, der sich äußerst unwohl fühlt in Gesellschaft: unsicher, ängstlich und kaum fähig zu handeln.

“I made a mistake in my life today. Everything I love gets lost in the drawers”

Welchen Fehler hat der Erzähler gemacht? Das bleibt offen. Und: Alles, was er liebt, ist in Schubladen verloren gegangen? Ziemlich rätselhaft. Vielleicht hat ,drawers‘ ja noch eine andere Bedeutung, die sich mir nicht erschließt?

“I want to start over, I want to be winning. Way out of sync from the beginning”

Alles in ihm schreit nach Veränderung, einem Neustart.

“I wanna hurry home to you. Put on a slow, dumb show for you and crack you up”

Hier gewinnen die Musik und der Gesang an Kraft. Der Erzähler möchte Heim laufen zu seinem geliebten Menschen und diesen mit seinen Albernheiten zum Lachen bringen.

“So you can put a blue ribbon on my brain. God, I’m very, very frightened, I’ll overdo it”

Schon wieder ein rätselhaftes Bild: Warum lässt sich der Erzähler eine blaue Schleife um seinen Kopf (Gehirn?) binden? Möglicherweise ist es ein Symbol der Huldigung, der Krönung. Die blaue Schleife macht ihn zum Teil der normalen Menschen. So ähnlich sieht es auch crookedlegs auf songmeanings.net: “He’s awkward and desperately wants approval from the person he’s in love with (to give him a ‚blue ribbon‘).”

Aber warum ist er dann so verängstigt? Vielleicht, weil er sich zum ersten Mal auf jemanden mit Haut und Haaren einlässt. Das macht ängstlich und verletzbar.

„Looking for somewhere to stand and stay. I leaned on the wall and the wall leaned away”

Ein schönes Bild mit etwa derselben Bedeutung von “Unter mir wankt der Boden”. Der Erzähler ist verliebt.

“Can I get a minute of not being nervous. And not thinking of my dick?”

Und zwar so richtig verliebt. Und scharf wie Schmidts Katze.  Gleichzeitig scheint er etwas gequält von seinen sexuellen Gedanken.

“My leg is sparkles, my leg is pins. I better get my shit together, better gather my shit in”

Seine Beine sind butterweich, und ihm wird klar, dass er sich zusammenreißen muss. In diesem Moment, aber auch generell im Leben.

“You could drive a car through my head in five minutes. From one side of it to the other”

Dieses Bild ist mir schleierhaft. Vielleicht symbolisiert es die Leere in seinem Kopf?

Bis hierhin zeichnet das Lied das Bild eines ängstlichen, unsicheren Menschens, der wahrscheinlich zum ersten Mal richtig verliebt ist und von zig Ängsten geplagt wird. Doch als das Piano einsetzt, endet der nervöse Rhythmus und das Lied wird kristallklar.

“You know I dreamed about you.
For twenty-nine years before I saw you.
You know I dreamed about you.
I missed you for, for twenty-nine years”

Schöner kann eine Liebeserklärung nicht klingen. Er legt seine Zweifel und Ängste ab und erkennt, dass sie alles ist, wovon er sein gesamtes Leben geträumt hat. Oder wie hearditthere auf Songmeanings.net sagt: „It’s how The National says ,You complete me.’”

Gregor Samsa im Rausch

„Let down“ von Radiohead, zu hören auf „Ok Computer“ (1997)

Jeder Mensch, der Musik liebt, hat meiner Meinung nach ein Erweckungserlebnis. Eine erste große Liebe, die alle musikalischen Liebschaften davor wie einen Witz aussehen lässt. Eine Band, die die Ansicht auf Musik nachhaltig prägt, ja, sogar die gesamte (Um-)welt in ein neues Licht taucht.

Für mich ist diese Band Radiohead aus Oxford.

Radiohead und ich begegneten uns im Januar 2008. Das Schlüsselerlebnis: die Platte “The Bends”, über die ich vorher soviele begeisterte Rezensionen gelesen hatte. Nun wagte ich es, mir die Platte zum Geburtstag zu wünschen.

Eigentlich kannte ich Radiohead schon aus meiner Schulzeit, von 2002. Damals, als es noch MTV2 gab, fiel mir das Lied “Pyramid Song” ins Ohr. Ich liebte diesen depressiven Sound und das wummernde Klavier. Gleichzeitig entwickelte ich eine alberne Angst vor dieser Band: vor einem existenzialistischen Sound, der jede Hoffnung nimmt. (Man sieht, ich hatte in dem Alter den Pyramid Song noch nicht verstanden, dessen Message ja gar nicht so hoffnungslos ist).

Meine Sorge war unbegründet: Der Sound von „The Bends“ war rockig, aber anders, einfach großartig. Ich hörte die große Kunst dahinter und war ab da rettungslos verliebt in diese Band. Innerhalb weniger Wochen holte ich mir alle damals verfügbaren Alben – von „Pablo Honey“ bis „In Rainbows“. Ein netter Kerl, den ich auf einem Radiohead-Konzert im Juli 2008 in Berlin traf, sagte zu mir, Radiohead in wenigen Wochen kennenzulernen, sei wie ein Crash-Kurs in Philosophie zu machen. Das blieb mir im Gedächtnis, obwohl es natürlich heillos übertrieben war. Aber ein Körnchen Wahrheit steckt schon drin, denn ich finde, Radiohead produzieren für mich eine der musikalisch komplexesten Musik, für die es mehrmaliges Hören braucht und die sowas von nicht sofort ins Gehör geht. Erst spät setzt sie sich fest und dann für immer.

Wie ist es bei euch? Habt ihr eine Lieblingsband, die euch musikalisch die Augen öffnete und der ihr deshalb die ewige Treue schwört?

So, genug der Vorrede. Jetzt möchte ich mich mit einem der genialsten Songs beschäftigen,  die von Radiohead existieren: „Let down“. Ein großartiges Stück Musik, das auf dem 1997 erschienenen Album „Ok Computer“ zu finden ist. Es ist musikalisch so komplex, dass es Radiohead so gut wie gar nicht live spielen. Schade eigentlich. 

“Transport, motorways and tramlines,
Starting and then stopping,
Taking off and landing,
The emptiest of feelings”

Bei diesen Zeilen muss man eigentlich die Stimme von Thom Yorke hören. Der monotonste Gesang auf der ganzen Welt und gleichzeitig so ausdrucksstark. Vor dem inneren Auge zieht der alltägliche Wahnsinn von Menschen in Autos, Zügen und Flugzeugen, die überall und nirgendwo hineilen.

“Disappointed people, clinging on to bottles,
And when it comes it’s so, so, disappointing.”

Wow, was für ein Bild: Enttäuschte Leute, die sich gegenseitig zuprosten, ausgebrannt und einsam, die sich an nichts anderes festhalten können als an ihrer Flasche. Wer hat es nicht schon mal gefühlt, diese Leere, wenn man abends in einer Bar ist, wissend, dass die Leichtigkeit nur auf der chemischen Wirkung von Alkohol basiert und die wirkliche Welt doch ganz anders ist? 

“And when it comes….” Was ist dieses “es”? Eine Interpretation ist, dass dieses ,es‘ der Rausch ist, der ein schales Gefühl hinterlässt. Man schwingt sich in höchste Höhen, fällt danach aber umso tiefer. Und wie oft hofft man in durchzechten Nächten auf etwas Großartiges und es kommt nicht?

“Let down and hanging around,
Crushed like a bug in the ground.
Let down and hanging around.”

Ein trostloses Bild. Menschen, wie Käfer  auf dem Boden zerdrückt. Eine Metapher für unsere Nichtigkeit in dieser Welt.

Ein kluger Kommentator auf songmeanings.net sieht darin eine direkte Verbindung zu Kafkas “Die Verwandlung”: Let Down‘ picks up where Kafka’s ‚Metamorphosis‘ protagonist, a grotesque man-turned-insect, is giving up hope in his life’s worth and contemplating whether society would be better off if he were dead.” 

“Shell smashed, juices flowing
Wings twitch, legs are going,
Don’t get sentimental, it always ends up drivel.”

An diesem Punkt komme ich zu dem Schluss, dass die Lyrics wahrscheinlich einen Alkoholrausch beschreiben: der Fall auf den Rücken und die Unfähigkeit, sich von selbst zu erheben (“…like a bug…) und die Sentimentalität, die Betrunkene so gern übermannt. Kommentator mayday882 hat noch weitere interessante Anmerkungen: Ok, when you are drunk your „shell“ or your protective gaurd is smashed by the alcohol…you open up and you are not as tight. The „juices are flowing“ as the alcohol absorbs itself into your bloodstream and your wings twitch (you feel lighter, better) and your legs are going (maybe your dancing…)” 

“One day, I am gonna grow wings,
A chemical reaction,
Hysterical and useless
Hysterical and”

Einige sehen hier ein Indiz dafür, dass in dem Lied nicht die Hoffnungslosigkeit siegt, sondern der Sprecher der Eintönigkeit entflieht und zu einer authentischen Identität findet. Um Kommentator imbalance zu zitieren: ‚Let Down‘ is so inspiring because Yorke doesn’t give up hope; he has faith he will endure the insect stage and the crushing societal torment it brings; one day he is going to develop into a butterfly and be free. Existence precedes essence.” 

Ich finde, wenn man die Musik hört, dann kann man es durchaus so sehen. Ab diesem Punkt verliert Thom seine monotone Stimme, weitere Instrumente setzen ein, alles wird klarer und lichter und steigert sich bis hin zu dem unglaublichen schönen Höhepunkt, der mir noch nach all den Jahren Gänsehaut beschert:

“You know, you know where you are with,
You know where you are with,
Floor collapsing, falling, bouncing back
And one day, I am gonna grow wings,
A chemical reaction, (You know where you are)
Hysterical and useless (You know where you are)
Hysterical and (You know where you are)”

Aber wie passen die Worte hysterical und useless in diese Interpretation? Ehrlich gesagt, kann ich mir daraus keinen Reim machen. Ihr?
Da folge ich lieber weiter mayday882, der/die schreibt:
The alcohol gives you hope for a brighter future („one day I’m going to grow wings), but at its most basic level this is just a „chemical reaction“ in your body. Hysterical and useless…”

Mein Fazit: Es ist wohl nie ein besseres und klügeres Lied über Alkohol geschrieben worden.