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Meine 10 besten Rocksongs über Kinder

Dieser Beitrag hätte längst erscheinen sollen. Er war auch bereits so gut wie fertig, aber es kam – früher als erwartet – ein einschneidendes Ereignis dazwischen: Die Geburt meines ersten Kindes ich bin Mama geworden! Zwischen Geburt, Krankenhausaufenthalt, Stillen, Wickeln und Bestaunen des neuen Mitbewohners blieb leider (und bleibt immer noch) wenig Zeit für diesen Blog verzeiht mir!
Und keine Angst, zukünftig wird es hier nicht um das perfekt eingerichtete Babyzimmer oder die zehn unglaublichsten Mama-Hacks gehen. Immerhin ist das hier ein Musikblog. Doch so ganz komme ich an dem Thema Babys nicht vorbei. Hier erwartet euch meine Top 10 der schönsten Rocksongs über Kinder und ein paar persönliche Gedanken zu meinem neuen Leben, die ich noch vor der Geburt verfasst habeund wie ich das Ganze mittlerweile sehe.

Diese Zeilen habe ich vor der Geburt verfasst:

Es gab eine Zeit, während der ich dachte, Kinder zu bekommen, bedeute vor allem, der eigenen Endlichkeit ins Gesicht zu schauen. Heute sehe ich das nicht mehr ganz so düster. Beziehungsweise meine ich es gar nicht so schwarz, wie es scheint…

Seit ich weiß, dass ich schwanger bin, lebe ich in einem permanenten Zustand zwischen Freude und Angst. Meistens hat die Freude Oberwasser und ich könnte die ganze Welt umarmen. Kein Witz, das berühmte Strahlen in der Schwangerschaft ist real! Noch nie haben mich so viele fremde Menschen angelächelt und freundlich behandelt wie jetzt. Doch irgendwo in einer dunklen Ecke im Hinterstübchen lauert auch Angst. Sie kriecht bevorzugt in den Abendstunden oder Momenten ohne Ablenkung hervor.

Ich rede nicht von der Angst vor der Geburt oder vor zu wenig Schlaf. Ich rede von der Angst, jemanden so sehr zu lieben, dass man unterschwellig in permanenter Furcht um ihn lebt. Die Furcht, ihn nicht beschützen zu können. Zu versagen. Etwas falsch zu machen. Und ihn eines Tages zu verlieren. Ihn eben in die Hände des Lebens zu geben.

All das wird überlagert von einer großen, unendlichen Liebe zu einem Wesen, von dem man nichts erwartet, ja, dass man noch nicht mal kennt. Schon vor der Geburt schwört man jeden eigenhändig zu verprügeln, der ihm Schaden zufügt und erschrickt darüber, wie ernst man dies meint.

Gleichzeitig spüre ich: Es wird Zeit, ein paar Schritte zurückzutreten. Die vergangenen Jahre habe ich mich mehr oder weniger um mich selbst gedreht. Erfolgreich im Beruf? Sehr wichtig! Regelmäßige Reisen? Unbedingt! Mindestens acht Stunden Schlaf? Selbstverständlich! Die Nacht durchfeiern und den nächsten Tag verschlafen? Gehört dazu!
All das wird für mich erstmal vorbei sein, andere Dinge werden wichtig werden. Auch wenn sich bei dem Gedanken ein wenig Wehmut einstellt, ich kann doch sagen: Ich hatte das alles! Jetzt wird es anders – anders, aber gut!


Kinder mögen nicht das Thema Nummer eins in Songs sein. Doch als ich recherchiert habe, bin ich dennoch auf einige hörenswerte Songs gestoßen, die von Kindern erzählen. Hier meine Top 10:

1. Radiohead Sail to the Moon

„Sail to the moon“ ist der dritte Track auf dem 2003 erschienenen Album Hail to the thief von Radiohead. Dieses steht sehr im Zeichen der damaligen politischen Verhältnisse: George W. Bush und sein selbst erklärter „Krieg gegen den Terror“ ziehen sich als Sujet durch das gesamte Album. Etwa im gleichen Zeitraum ist Sänger Thom Yorke zum ersten Mal Vater geworden. Angesichts dieser neuen Rolle zeigte er sich besonders besorgt über den Zustand der Welt. „Sail to the moon“ ist seinem Sohn Noah gewidmet, der 2001 geboren wurde. Es ist ein wiegenliedähnliches Lied, dass angeblich in nur fünf Minuten geschrieben wurde. Die Lyrics schlagen einen Bogen vom Namen des Söhnchens hin zu der Geschichte von Noah und seiner Arche im Alten Testament:

Or in the flood
You’ll build an Ark
And sail us to the moon

Ein phantastisches Bild: die Flucht aus einer verlorenen Welt zu einem besseren Ort für einen Neustart.
Die wichtigste Botschaft Thom Yorkes an seinen Sohn: Hochmut kommt vor dem Fall („I spoke to soon„, „I was dropped from moonbeam„) und wie wichtig es ist ein klares Gemüt zu bewahren und Falsch von Richtig zu unterscheiden („But know right from wrong„).
Maybe you’ll be president„: der Sänger sieht ungeahnte Möglichkeiten für seinen Sohn und gleichzeitig ist dies eine von vielen Anspielungen auf den damaligen US-Präsidenten auf dem Album.

2. Radiohead I will

Noch ein Radiohead-Lied von dem Album Hail to the Thief: Thom Yorke bezeichnete den Song „I will“ als das „wütendste Lied“, das er je geschrieben habe. Die Lyrics beziehen sich auf Nachrichtenaufnahmen aus dem ersten Golfkrieg (1980 – 1988) über einen Bunker voller Familien, der von einer Bombe getroffen wurde. Thom Yorke erklärte 2003 in einem Interview mit dem britischen Radiohsender XFM:

It’s quite simple really, I had an extremely unhealthy obsession, that ran through the ‘Kid A’ thing, about the first Gulf War. When they started it up they did that lovely thing of putting the camera on the end of the missile, and you got to see the wonders of modern military technology blow up this bunker. And then sometime afterwards in the back pages it was announced, that that bunker was not full of weapons at all, but women and children. And it was actually a bomb shelter. And so everybody… we all got to witness the wonders of modern technology. And it ran through so much stuff for so long for me. I just could not get it out of my head. It was so sick. And so that’s where the anger comes from. 

Das schreckliche Szenario der toten Zivilisten in den Bunkern ließ ihn nicht los. In „I will“ versetzt er sich in die Lage eines Vaters im Krieg und schwört: „I won’t this happen to my children“ – meinen Kindern soll so etwas niemals zustoßen! Die Musik erhebt sich im gleichen Moment, als Thom Yorke singt: I will rise up. (Wunderschön!)
Die letzten Zeilen fassen zusammen, wofür es sich zu kämpfen lohnt: Für die unschuldigen, kleinen Augen des Babys, die nie Grauen sehen sollen. ( Little baby’s eyes / Eyes, eyes, eyes ). Es ist immer wieder unglaublich, welche Emotionen Radiohead mit wenigen treffenden Songzeilen erzeugen können!

3. Arcade Fire Baby Mine

Arcade Fire haben 2019 für die Neuverfilmung des Disney-Klassikers Dumbo den Song „Baby Mine“ gecovert. Dieser wurde ursprünglich von Frank Churchill und Ned Washington für den Zeichentrickfilm von 1941 geschrieben. Der Film erhielt damals übrigens einen Oscar für die beste Filmmusik.
Arcade Fire haben aus dem Song eine schöne, rockoper-ähnliche Version gemacht, die mir gut gefällt. Aber noch rührender ist für mich das Original, gesungen von Betty Noyes. In der Filmszene sieht Dumbo seine weggesperrte Mama für das vorerst letzte Mal, und das ist so herzzerreißend, dass mir ganz schnell das Pipi in den Augen steht. Muss an den Hormonen liegen! Oder weil ich nun als Erwachsene und Mama den Schmerz von Dumbos Mutter viel tiefer fühle, als ich es hätte als Kind je nachvollziehen können.
Hier könnt ihr die Szene anschauen – wenn ihr stark genug seid :-P:

Und das ist die Version von Arcade Fire:

4. Muse Follow me

Der Song „Follow me“ von Muse erschien auf dem Album „The 2nd Law“, das 2012 veröffentlicht wurde. Das Lied wird als eine „Ode an der Vatersein“ beschrieben. Hört mal genau hin: Am Anfang des Songs sind die Herztöne von Matt Bellamys damals ungeborenen Sohn zu hören. Diese hatte der Sänger mit seinem iPhone aufgenommen – das wohl schönste Geräusch für werdende Eltern.
Die Lyrics sind recht klar – der Sprecher schwört dem Adressaten, seinem Kind, selbst in der größten Dunkelheit, der größten Not beizustehen, und es zu beschützen. Man könnte den Song kitschig nennen – aber Muse haben noch nie die große Geste gescheut.

5. Kashmir Danger Bear

Weniger eindeutig verhält es sich mit diesem Song von Kashmir, der wohl besten, unterschätzesten Band des Planeten. Ich brauchte erst einen Anstoß von meinem Mann (danke!), um zu begreifen, dass es sich bei dem Lied wahrscheinlich um ein Wiegenlied handelt. Bisher hatte ich den Song in einem älteren Beitrag nur unter dem Aspekt der Zeit betrachtet.
Vielmehr singt hier aber wahrscheinlich ein Vater am Bett seines Sohnes. Er beschreibt die Phantasiegestalten, in deren Rollen das Kind im Laufe seiner Kindheit schlüpft: Bär, Spiderman und später schießen ihm mächtige Laserstrahlen aus den Augen, die selbst fiese Vampire zu Staub zerfallen lassen, die in der Ecke lauern. Die Botschaft: Er brauche sich vor nichts fürchten, er sei stark, ja, unbesiegbar, deshalb könne er nun unbesorgt einschlafen (So lean back / tuck in / and drift off)
Über all dem schwebt die Melancholie des Erzählers, wie rasend schnell sich sein Sohn verändert und das Wissen, dass diese magische Zeit der Kindheit bald vorbei sein wird:

Time is a deceiver
You think you own
And it turns away
Fast oh so fast it burns
Like a comet that crashes our sphere

6. Elbow Presuming Ed (Rest easy)

Der Song der britischen Band Elbow wendet sich dagegen an einen werdenden Vater. Sänger Guy Garvey sagte selbst über den schlichten, aber wunderschönen Songtext: „Lyrically it’s simple; just telling a friend, who’s worried about an imminent child arriving, that everything will be fine.“ Die Zeile „This is why we are here“ referiert auf das inhärente Bestreben allen Lebens hier auf Erden: sich zu reproduzieren und damit auf gewisse Weise fortzubestehen.

Weitere Songs über Kinder:

7. Eric Clapton Tears in Heaven: Ohne Worte. Der tief traurigste Song über ein Kind; Eric Clapton schrieb diesen für seinen verstorbenen vierjährigen Sohn.

8. Audioslave Out of Exile: Chris Cornell schrieb das Lied während der ersten Schwangerschaft seiner Frau Vicky. Hinter ihm lagen eine gescheiterte Ehe und Alkoholprobleme. Die neue Liebe und das Baby erfüllten den Sänger mit positiver Energie und gaben ihm das Gefühl aus einem inneren Exil („out of exile„) zurückzukehren.

9. The BeatlesHey Jude: Paul McCartney schrieb den Song für John und Cynthia Lennons fünfjährigen Sohn Julian, als dessen Eltern sich scheiden ließen. Der Kleine verstand nicht, was vor sich ging war aber sehr traurig, und so schrieb Paul diesen Song für ihn. Ursprünglich sollte der Song logischerweise „Hey Jules“ heißen, doch McCartney fand „Hey Jude“ vom Klang her doch besser.

10. Johnny FlynnEinsteins Idea: Johnny Flynn hat diesen Song für seinen Sohn Gabriel geschrieben, als Wiegenlied, während die Mama schläft. In diesem stellt er seine irdische Liebe zu seinem Kind in einen größeren, kosmischen Zusammenhang.

Und so sehe ich das Muttersein jetzt nach der Geburt:

Mittlerweile ist unsere Kleine reichliche zwei Monate alt und die philosophischen Betrachtungen von einst sind einer handfesten, ganz realen Liebe und einem unerschütterlichen Pragmatismus gewichen. Vorstellungen, Einstellungen und feste Überzeugungen von vor der Geburt habe ich gelockert und mitunter über Bord geworfen. Das Kümmern und die Freude über dieses kleine Wesen hält jedes Nachdenken und jede nicht unmittelbare Sorge auf Distanz. Der Schlafmangel tut sein Übriges. 😀 Und ja, es ist wahr, was alle sagen: Es ändert sich (fast) alles. Doch zwischen all dem Sorgetragen für einen kleinen Menschen, stelle ich fest: Ich bin immer noch ich, mit all meinen Interessen, Eigenheiten und Charakterzügen. Und doch bin ich verändert. Ich bin nicht mehr nur für mich allein verantwortlich.
Diese Brücke von meinem alten zu meinem neuen Leben zu schlagen, ist jetzt meine Herausforderung. Und gleichzeitig diesen kleinen Menschen auf seinem Weg zu einer selbstbewussten, freundlichen, zufriedenen Persönlichkeit zu begleiten. Puh, ganz schön viel. Zum Glück muss das nicht von heut auf morgen geschehen.
Wobei…die Zeit vergeht so rasend schnell. Deshalb soll auch für mich diese hier erstellte Playlist eine Insel des Innehaltens sein, auf der ich möglichst bewusst den Moment genieße.

6 Kommentare zu „Meine 10 besten Rocksongs über Kinder

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