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Nazis müssen draußen bleiben! – Das Lollapalooza 2018 im Olympiapark Berlin

Kaum vorstellbar: Vor gut 82 Jahren fanden auf dem Olympiagelände in Berlin die Olympischen Spiele unter Naziherrschaft statt, die das Regime perfekt als Propaganda in ihrem Sinne nutzte. Und am ersten September-Wochenende 2018 fand an eben diesem Ort das vierte deutsche Lollapalooza statt – mit viel Glitzer, Sonnenschein und Musik, die Menschen jeder Nation und Herkunft verbindet. Schön war’s!

Obwohl ich eigentlich zu den relativ menschenscheuen Zeitgenossen gehöre und große Menschenansammlungen meide, wo ich kann, zieht es mich doch immer wieder freiwillig auf Festivals. Der Grund, natürlich: Musik und das Zelebrieren dieser zusammen mit anderen Menschen.

Lollapalooza Berlin - Samstag
Zumindest am Samstag war das Lollapalooza in Frauenhand. Den jungen Mann in der ersten Reihe scheint’s zu freuen. © Stephan Flad

Anders als vergangenes Jahr war ich diesmal nur am Samstag dabei. Das Line-up hatte mich nicht genug überzeugt, um zwei Tage hinzugehen. Und – man kann es nicht schön reden – reißt so ein Festival-Wochenende ja doch ein gigantisches Loch ins Portemonnaie. Was man da trinkt und isst im Laufe des Tages, geht auf keine Kuhhaut (Nom nom!).

Insgesamt lief die Organisation aber so viel besser als letztes Jahr in Hoppegarten – weniger Schlangestehen vor Toiletten, Bar und Essen (nur zu den Geldaufladestationen gab es kein Durchkommen). Am S-Bahnhof Olympiapark fuhr eben nachts nicht nur eine einsame S-Bahn alle halben Stunde mal vorbei. Im Drei-Minuten-Takt wurden die Besucherströme vom mehrgleisigen Bahnhof abtransportiert. Ohne Gedränge, ohne Ohnmächtige, ohne Verletzte. Gut so! Das dachten sich unterm Strich wohl auch die Veranstalter und so findet das Lollapalooza 2019 wieder am selben Ort statt.
Dass nicht alle Menschen, die gern wollten, aus Platz- und Sicherheitsgründen einen Act im Olympiastadion sehen konnten, auch dafür wird hoffentlich eine Lösung gefunden werden. Ansonsten gilt wohl: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!

Lollapalooza Berlin - Samstag
Im Olympiastadion konnten 25.000 Menschen feiern – zu wenig, wie sich am Samstagabend beim Auftritt von David Guetta herausstellte. © Stephan Flad

Den „King of Trance“ Armin van Buuren hörte ich auf dem Lolla zum ersten Mal. Stimmung, Lichtshow, Sound, alles grandios, ich war echt geflasht. Zu Hause habe ich aber festgestellt, dass die Musik durch die heimischen Boxen weniger gut funktioniert. Es fehlte einfach der Bass und der Sog der Massen. Van Buurens Musik entfaltet nur live und sehr laut ihre Wirkung.

Lollapalooza Berlin - Samstag
Armin van Buuren feierte einen gigantischen, musikalischen Ego-Trip, während dem überall sein Initial „A“ oder Name aufblinkte. © Stephan Flad

Doch eigentlich nach Berlin gekommen war ich für eine meiner absoluten Lieblingsbands, The National. Von den US-Amerikanern bin ich seit vielen Jahren ein Riesenfan und endlich durfte ich sie live sehen! Ich hatte ein eher ruhiges Konzert erwartet, aber The National bewiesen, dass sie richtig rocken können. Sänger Matt Berninger ging auf Kuschelkurs mit den Fans und lief sogar mitten durch die Menschenmenge. Die Frau, die ihm ständig das Mikrokabel hinterhertragen musste, tat mir leid! 😀 Wie ich mittlerweile erfahren habe, sind diese Ausflüge das Markenzeichen der Konzerte von The National. Matt Berninger sinnierte mal darüber: „Keine Ahnung, ob ich es in Zukunft noch oft machen werde, aber ich will damit den professionellen Zauber brechen. Unsere Gigs sollen sich waghalsig und unkontrolliert anfühlen.“ (Quelle)
Die Band spielte viel von dem im vergangenen Jahr erschienenen Album „Sleep Well Beast“, aber auch viele ältere Songs, so auch mein absolutes Lieblingslied „Slow Show“.

Über diesen Song habe ich in der Anfangszeit dieses Blogs geschrieben, eines meiner Frühwerke sozusagen, in denen ich noch Songs Zeile für Zeile interpretiert habe. Für mich ist es eines der schönsten Liebeslieder, die je geschaffen wurden.

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The National waren die grauen Eminenzen unter all den jungen Künstlern.  © Christian Hedel

Außerdem gesehen habe ich Casper. Der 35-jährige Rapper, der als 11-Jähriger kaum ein Wort Deutsch sprach, da er bis dato in den USA lebte, hat’s mir angetan, obwohl Rap sonst nicht zu meinem bevorzugten Genre gehört. Und zugegeben, der Rockanteil ist in den Liedern recht hoch. Aber besonders seine cleveren, feinsinnigen Texte und auffällig raue Stimme (die ihm sein Schreigesang in Punk- und Hardcore-Bands einbrachte, der seine Stimmbänder dauerhaft schädigte) begeistern mich immer wieder. Seine emotionalen Texte sind es, die ihm Titel wie „Schmerzensmann des Rap“ und „Emo-Rapper“ eingetragen haben. In einem Interview mit dem Tagesspiegel sagt Casper darüber: „Ich glaube, der Deutsche hat Angst vor Gefühlen und davor, darüber zu sprechen. Sobald etwas keine ironische Metaebene hat, finden Leute das kitschig.“

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Casper heißt bürgerlich eigentlich Benjamin Griffey. Seinen Spitznamen – inspiriert vom gleichnamigen Geisterfilm aus den 90er-Jahren – gab ihm sein Vater, da seine weiße Haut auch im Sommer nicht bräunt. © Woody Woodsn

Eines meiner Lieblingslieder: „Hinterland“ vom gleichnamigen Album, das 2013 erschien. Darin sehe ich meine Heimat, die Oberlausitz am östlichsten Rand in Sachsen perfekt gespiegelt. Die Langeweile, das Beschränkte, aber auch Kauzige, das sie so liebenswert macht:

Mit großen Augen zwischen Bahnschienen und Schrebergärten
Arm in Arm singend über Leben, die wir nie leben werden

Immer wenn ich in die Heimat fahre, singe ich im Kopf die Zeilen aus Caspers Song: „Geliebtes Hinterland, willkommen im Hinterland“.

Im Vorbeigehen mitgenommen haben wir noch einen Auftritt des bezaubernden Berliner Kneipenchores und von K.I.Z., die dank ihres beißenden Humors und Sarkasmus sehr unterhaltsam sind, aber für mein Empfinden auch nicht mehr. So ging ein entspannter Samstag auf dem Lolla zu Ende.

Das Line-up war für mich dieses Jahr eher mäßig: zu viel Elektronik, zu viel Pop, zu wenig Rock. Dies spiegelte sich auch in dem Publikum wider, das laut einiger Medien zu fast zwei Dritteln aus jungen Frauen bestand. Aber The National waren den Besuch trotzdem wert und fürs kommende Jahr hoffe ich einfach auf ein rockigeres Lolla, sodass es sich wieder lohnt an zwei Tagen vorbeizukommen.

Und zu guter Letzt hier noch ein paar Bilder von der tollen Atmosphäre und dem Flair:

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Titelbild: © Stephan Flad

4 Kommentare zu „Nazis müssen draußen bleiben! – Das Lollapalooza 2018 im Olympiapark Berlin

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