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Review: Get Well Soon „The Horror“ – Auf die Liebe folgt das Grauen

Nach der Liebe kommt der Horror – zumindest bei Get Well Soon. Seit ein paar Wochen ist das Album „The Horror“ der Band um Musikgenie Konstantin Gropper draußen: Nach dem Vorgänger „Love“ ein weiteres komplexes Konzeptalbum, an dem ich mich noch immer abarbeite. Erfahrt hier, welche Themen hinter den Songs stecken. Und wenn wir schon dabei sind, welche ganz persönlichen Alpträume mich nachts aufschrecken lassen. 😉

Get Well Soon sind eine der wenigen Bands, von denen ich seit dem ersten Album Fan bin. Ihr Debütalbum „Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon“ (2008) beeindruckte mich nicht nur durch unfassbar lange Songnamen, sondern vor allem durch eine musikalische Komplexität, die mich erstaunte – vor allem, als ich erfuhr, dass die Band aus Deutschland kommt. Konstantin Gropper ist meiner Meinung nach der talentierteste deutsche Musiker, der sich für jedes seiner Alben ein eigenes Thema erwählt. In „Vexations“ (2010) werden munter Philosophen zitiert, „The Scarlet Beast O’seven Heads“ (2012) dreht sich um den Weltuntergang und die Apokalypse, während „Love“ (2016) die Liebe in allen Facetten beleuchtet.

Nun also das fünfte Studioalbum „The Horror“; der Versuch, verschiedene Ängste unserer Gegenwart in Musik einzufangen. Der Sound – eine ganze Ecke anders als die Vorgänger, orchestral, inspiriert von der Musik Frank Sinatras. Und immer wieder gezupfte Geigen und Blechbläser wie in frühen Horrorfilmen. Warum? „Weil ich schon immer ein Album mit diesem Sound machen wollte“, sagt Konstantin Gropper. „Und weil er zu dieser Zeit passt, in der die Idylle unserer sicheren Welt zusammenbricht.“

Geisterbahn_kl
Sieht nach nicht so viel Spaß aus…  © Clemens Fantur

Das Album beginnt dunkel und leise mit „Future Ruins Pt. 2“. Der Song ist inspiriert von vergangenen, aktuellen und möglicherweise zukünftigen Kriegsruinen. Schon in diesem ersten Song finden sich Field Recordings, die das gesamte Album durchziehen: der Sound basiert auf einer Luftschutzsirene, der Beat speist sich aus dem Geräusch einstürzender Häuser. Dann die erste Überraschung: Nicht Konstantin Groppers Stimme eröffnet das Stück, sondern die der tunesischen Sängerin Ghalia Benali. Sie interpretiert das aus dem Mittelalter stammende arabische Stück „Lamma Bada Yatatanna“ neu und ebnet damit den Weg für Groppers einsetzenden Gesang: „Hey master builder / think of the wrecking / when you build“. Was gebaut, kann auch wieder zerstört werden.

Die tunesische Sängern ist nicht der einzige Support-Act auf dem Album: Zusammen mit dem Kanadier Sam Vance-Law singt er in dem beschwingten „Nightmare No. 2 (Dinner at Carinhall)“ von einem Alptraum, in dem er Hermann Görings Jagdschloss Carinhall besucht. Der Name des Hauses bezieht sich auf die 1931 verstorbenen Frau des Nationalsozialisten; in dem Haus sammelte Göring so mancherlei Kunst und so heißt es in dem Lied:

Then sank his head
„I’m so lonely,“ he said
„Alone with my art
And the worm in my heart“

There is no guilt
A fortress you’ve built
A temple just to mourn her

Wall after wall
But still, after all
You’re one disgusting monster

Der Horror lauert in den Menschen, die einst ein rotwangiges Baby waren wie du und ich.

In „Nightjogging“ unterstützt die australische Singer-Songwriterin Kat Frankie den Mannheimer mit ihrem monotonen, furchtlosen Sprechgesang. Auch hier wieder Field Recordings, Laufgeräusche. Der Horror hinter diesem Song wird schnell klar: Die Angst als Frau allein unterwegs zu sein. (Should they be selling pepper spray at every goddamn shop?) Berechtigt oder nicht? Groppers Meinung dazu ist klar: We should not scare our daughters / we must teach our sons. Die Frau in dem Song will sich jedenfalls nicht einschüchtern lassen:

Going nightjogging
In the wrong part of town
Just try and touch me
You’re going down

Und so nimmt Konstantin Gropper uns mit auf eine Geisterbahnfahrt durch die unterschiedlichsten Ängste unserer Gesellschaft: „(How to stay) Middle Class“ behandelt die immer größer werdenden Abstiegsängste vieler Menschen (But yoga-steeled online-traders / They will buy your house, you’ll see) und „The Only Thing We Have To Fear“ entlarvt die Angst selbst als die größte Gefahr:

 I don’t think I can relax here anyway
With Nazi bitches speaking in my hood
Raging, scaring people into loving soil

„Nazi bitch“, eine eindeutige Anspielung auf die unsägliche Frauke Petry, die 2016 in Mannheim sagte, man solle notfalls an der Grenze auf Flüchtlinge schießen dürfen, unweit von Groppers Wohnung in der Quadratestadt. Der Titel des Songs ist eine Anspielung auf  Roosevelts berühmtes Zitat „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“ Lassen wir uns von der Angst einnehmen, haben Populisten mit ihren menschenverachtenden Aussagen leichtes Spiel. „Macht haben doch heute diejenigen, die den Menschen glaubhaft Angst einreden und ihnen versprechen, sie zu beschützen“, sagt Gropper. Recht hat er – und dagegen sollten wir nicht aufhören anzukämpfen, in uns und unserem Umfeld.

Gropper_kl
© Clemens Fantur

All Songs sind um die Pfeiler des Albums, die drei Alptraum-Songs, aufgebaut: „Nightmare No. 1 (Collapse)“, „Nightmare No. 2 (Dinner At Carinhall)“ und „Nightmare No. 3 (Strangled)“. In letztem träumte Gropper, dass ihn ein Zwerg in einem finnischen Wald erwürgt. Ob er dann schweißgebadet aufwache? Im Gegenteil: „Ich freue mich eher über einen bösen Traum. Ich träume so selten spektakulär, dass solche Alpträume für mich wie Inspirationsgeschenke sind. Ich wache auf und denke: daraus muss ich einen Song machen.“

Dieses Talent habe ich leider nicht, aber für mich sind Alpträume ebenfalls wahnsinnig interessant. Wenn ich denn mal welche habe, graben sie sich tief in meine Magengrube ein, sodass ich die Nachwirkungen noch lange in den Tag hinein spüre. Wenn meine Top-3-Albträume Lieder werden würden, würden sie wie folgt heißen: hanged, murdered und drowned.
Im ersten Traum werde ich mit dem Strick hingerichtet, während ich im zweiten ein Messer ins Herz bekomme. Im dritten rast eine Riesenwelle auf mich zu, die mich unter sich begräbt. Der Horror ist im eigenen Kopf…

Fazit: Nur zwei Jahre nach „Love“ haben Get Well Soon ein thematisch und musikalisch anspruchsvolles Album vorgelegt: Inspiriert sind die Stücke von dem Frank-Sinatra-Sound der 50er-Jahre, voller epochaler orchestraler Untermalungen und Töne wie aus einem alten Horrorfilm, die unbehaglich zurücklassen. Das alles geht nicht sofort ins Ohr, sondern braucht Zeit. Nur wenige Melodien sind so offensichtlich wie in „Martyrs“. Und auch jetzt, mehr als einen Monat nach Release, würde ich sagen, dass „The Horror“ nicht mein Lieblingsalbum der Band wird. Zu stark, zu eingängig sind vor allem die beiden ersten Alben „Rest Now, Weary Head, You Will Get Well Soon“ und „Vexations“. Interessant ist „The Horror“ dennoch, weil Gropper deutlich wie nie zuvor Stellung zu aktuellen Themen unserer Zeit bezieht. Eine Lösung bietet er nicht an. Aber immerhin diese versöhnlichen Zeilen des letzten Songs „(Finally) A Convenient Truth“:

It’s sure / And will always be /
This is no cure / But company /
So join hands / In horror unite! /
Together let’s stand / In darkest night.

Eine Umarmung vertreibt die Monster der Nacht. In diesem Sinne: Süße Träume! 😉

Was sind eure Alpträume?

Titelbild: © Clemens Fantur

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