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Mine + Fatoni „Alle Liebe nachträglich“ – von der Banalität der Liebe

Die Generation Y (alle zwischen 1980 und 2000 geborenen) genießt keinen guten Ruf: wankelmütig, entscheidungsfaul, verwöhnt und vor allem: beziehungsunfähig. Die Sängerin Mine und der Rapper Fatoni haben mit „Alle Liebe nachträglich“ den Soundtrack für unsere Generation kreiert.

Ich war mal dumm und hässlich, und jetzt bin ich verliebt„. Ein Lied auf „Alle Liebe nachträglich“, das die frische Liebe am Anfang besingt, ist „Mon coeur“. Mine singt: „Du schmeckst nach Zuckerwatte, und ich mag Zuckerwatte / Alles an dir ist das was für mich noch kein anderer hatte.“ Und in der nächsten Strophe reimt Fatoni, Rapper aus München: „Fuck, nichts das ich kenne hat deinen Geschmack / Nichts das ich kannte war mal so schön / Ich denke ich könnte mich daran gewöhnen.“ Doch schon in den nächsten Strophen mischt sich die Quintessenz des gesamten Album zwischen die Zeilen: Zweifel, Hadern, Angst. Angst vor der Entscheidung und dem Sich-fallen-lassen. (Wenn wir es gleich lassen würden, täte es weniger weh / Aber wen interessiert es wie’s uns später mal geht?) .

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So sieht Sängerin Mine mittlerweile nicht mehr aus. Die braunen Haare sind platinblonden gewichen. © Simon Hegenberg

Für gewöhnlich siedeln sich Liebeslieder thematisch am Anfang oder am Ende einer Beziehung an. Ganz anders die Songs auf „Alle Liebe nachträglich“: Denn der Großteil der Songs behandeln den Alltag, die Schattenseiten von Beziehungen. Aspekte, die sich auch wegen der heutigen Wahlmöglichkeiten bedingen. Wie noch nie zuvor, können wir frei wählen, wie wir leben wollen: Beziehung oder Affäre? Monogamie oder Polyamorie? Kinder oder Karriere? Heiraten oder nicht?

„Wenn wir nicht mehr können, schauen wir uns ne RomCom an“

Genau diese Möglichkeiten, das Zaudern und die Zweifel sind es, die die Protagonisten in den Songs umtreiben. Da geht es in „RomCom“ darum, wie sich der Streit um vergessenes Salz bis zur Eskalation hochschaukelt, sodass nur noch das Schauen einer romantischen Komödie hilft. „Wenn wir nicht mehr können, schaun wir uns ne Romcom an / Denn das nicht mehr drüberreden, verbessert den Beziehungsstand.“

In „Traummann“ wird der Unwille sich festzulegen thematisiert. Denn dafür locken die Früchte in Nachbars Garten dann doch zu sehr:

Ich will nicht Windeln wechseln, ich will Tinder matchen /
Dass ich’s noch nicht weiß, weiß ich schon im Vorhinein /
Wenn man alles kann, kann man auch überfordert sein /
Wenn man alles darf, darf man auch verloren sein /
Muss man erst geborgen werden für Geborgenheit?

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© Simon Hegenberg

Alle Songs sind gewürzt mit einer ordentlichen Prise Selbstironie und Augenzwinkern. Mine und Fatoni bieten keine Lösungen für das alltägliche Chaos der Liebe, sie thematisieren es, schonungslos und ehrlich.

Nur in einem Song geht es nicht um die Liebe: im letzten Song des Albums „Erdbeeren ohne Grenze“. Auf lakonisch-ironische Art kritisiert die Sängerin unseren Konsum:

Die Erdbeere ist eine sehr zarte Frucht
Die vor ihrer Ernte viel Sonne haben muss
Im Winter holen wir sie in Plastik aus weit, weit her
Wasser auf die Wüste, trotz Wasserknappheit, Yeah!
Die Beere schmeckt lasch, dem Gaumen fehlt Spaß
Die Beere ist rot, doch ihre Seele ist tot
Zu wenig Erdbeeren auf zu viele Menschen
Erdbeerjoghurt-Style: Erdbeeren ohne Grenzen
Supermarkt sagt: „Wir hätten sie nie angeboten
Doch die Kunden kaufen sie, für die Weihnachtserdbeertorten“
Konsument sagt: „Ich hätte sie nie eingepackt
Doch der kleine Hunger kam nach Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt“

Seitdem summe ich das Lied vor mich hin, sobald ich diese glatten, polierten Erdbeeren im Supermarkt sehe. Und nebenbei werden im Song noch unerträgliche Geräusch-Erzeuger wie Frida Gold, Tim Bendzko, Robin Schulz und Revolverheld abgewatscht. Danke, Mine!

2 Kommentare zu „Mine + Fatoni „Alle Liebe nachträglich“ – von der Banalität der Liebe

  1. Endlich kam ich mal dazu deinen Beitrag über die tolle Mine und dieses großartige Album zu lesen! Schöner Beitrag! Und das Album ist einfach grooooßartig!
    Ich muss auch immer an den Erdbeersong im Supermarkt denken xD Aber über den Seitenhieb auf Frida Gold komme ich ja immer noch nicht klar xD ich verstehe ihn, aber ich mag die rührselige Alina einfach zu sehr ❤
    Schön, aber nochmal die Zitate zu lesen. Bei »Traummann« habe ich tatsächlich noch nicht so detailliert auf den Text geachtet. Wird gleich nochmal intensiver gehört.
    Liebe Grüße
    Lena

    1. Hey Lena, lieben Dank für deinen Kommentar! Viele Textzeilen von dem Album habe ich auch erst nach und nach erfasst, bei Rap muss man ganz genau die Ohren spitzen. 🙂 Aber so bleiben die Texte auch länger interessant, weil man immer noch was Neues entdeckt.

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