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Review: Isolation Berlin „Vergifte dich“

Ihr „unpersönlichstes Album“ sollte Vergifte dich werden, behaupteten Isolation Berlin im Vorfeld der Veröffentlichung ihrer neuen Platte. Können sie halten, was sie versprochen haben?

Die Aussage war natürlich zum Teil pure Koketterie, aber im Vergleich zu Und aus den Wolken tropft die Zeit (2016) und Berliner Schule/Protopop klingen die Songs – trotz einiger Balladen – härter, rauer, dumpfer. Bewusst? Hatten Isolation Berlin, allen voran Sänger und Texter Tobias Bamborschke, mit dem letzten Song auf Und aus den Wolken tropft die Zeit „Herz aus Stein“ nicht einen Schlussstrich unter die gefühlsbeladene Selbstbeleuchtung gezogen? (Da wo eins mein Herze schlug/trage ich nun ein Herz aus Stein.)
Vergifte dich
ist möglicherweise nun der Neubeginn unter diesem Schlussstrich.  Weniger Persönliches, mehr poetische Abstraktion. Zum einen konsequent, denn auch die schönste Introspektion wird irgendwann zu viel. Doch kann das funktionieren? War es nicht eben diese unverblümte Nabelschau, die Fans an der Band so lieben?

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© Noel Richter

Doch, das kann funktionieren. Denn Vergifte mich überzeugt weniger mit seinen Texten, als vielmehr mit musikalischer Vielfalt.
Während „Serotonin“ chansonähnlich, fast harmlos einsteigt, entfalten „Vergifte dich“,  „Wenn ich eins hasse, dann ist es mein Leben“ und „Melchiors Traum“ eine raue, verstörende Energie, ehe mit „Vergeben heißt nicht vergessen“ sanfte Tönen angeschlagen werden. Eine helle, wunderschöne Melodie, gezupft auf der Akustikgitarre, begleitet Bamborschkes Gesang und Liedzeilen wie „Ich kotze meine Existenz in U-Bahn-Schächte hinein“. Wie als Kontrast stimmt der nachfolgende Song und zweite Singleauskopplung „Marie“ versöhnliche Töne an.

„Antimaterie“ und „In deinen Armen“ sind melodiös besonders eingängig – und deshalb besonders banal und für mich die beiden schwächsten Songs des Albums. Gerade der Refrain von „Antimaterie“ schrammt nah an der Schlager-Grenze vorbei. Mitsingen muss man ihn gerade deshalb.
Zum Glück geht es in der Isolation-typischen, nöligen Manier weiter: „Die Leute“ und „Kicks“ sind kurze, kraftvolle Songs, die man am besten hört, wenn es einem bis ganz oben steht.
Der letzte Song „Mir träumte“ stimmt dagegen wieder sanftere Töne an und der Protagonist begreift, dass es ein Entkommen wohl nur in den eigenen Träumen gibt.

Mein Fazit: Isolation haben mit ihrem neuen Album einen würdigen, reiferen Nachfolger geschaffen, der auf jeden Fall dazu animiert die Repeat-Taste zu drücken. Zu schräg sind die Texte und zu undeutlich hingenuschelt, als dass man sie gleich beim ersten Mal gleich erfassen könnte, zu interessant die eröffneten Songstrukturen. Weiche, nah am Kitsch vorbeischrammende Melodien stehen neben ungeschliffenen, wütenden Songs und geben dem Album etwas Bipolares.
Dabei bleibt mir das Album (noch?) seltsam fern, ja, gar unsympathisch. Litt man in den vorhergehenden Alben noch mit dem jungen, liebeskranken Protagonisten, habe ich bei Vergifte dich einen unsympathischen Alter Ego vor Augen, verbittert und jenseits von Gut und Böse. Alles ist noch düsterer, noch hoffnungsloser, bis auf ein paar Ausnahmen. Klar, all das ist ein Kunstprodukt und Kalkül. Aber hier und da eine Prise weniger Hass und Ernst, täten Isolation Berlin das nächste Mal wahrscheinlich gut: weniger Depressionslyrik, mehr Anarchohumor.

Vielleicht denke ich über die Songs auch nochmal anders, sobald ich sie von der Band im März live gesehen habe. Tobias Bamborschke, Max Bauer (Gitarre), David Specht (Bass) und Simeon Cöster (Schlagzeug) haben eine unglaublich starke Bühnenpräsenz und besonders Bamborschke erinnert in seiner Performance mitunter an einen durchgeknallten Theaterschauspieler. Ich freu mich drauf und bin gespannt!

Habt ihr schon das neue Album gehört? Wie findet ihr es?

Hier findet ihr alle Tourdaten von Isolation Berlin.

 

 

4 Kommentare zu „Review: Isolation Berlin „Vergifte dich“

  1. Was m.E. heutzutage fehlt ist das, was man früher Protestsong nannte.
    Mal richtig `die Sau rauslassen´ und wenn ich das richtig sehe, geht Serotonin schon in diese Richtung. Nur von den ganzen `Alles-gut-Beziehungs-songs´ mit viel Schmalz hab ich ziemlich die Faxen dicke. Das macht doch die Schlager-Branche. Außerdem es gibt so viele Schweinereien, über die man von den Bands nix hört.
    Jürgen aus Loy (PJP)

    1. Hallo Jürgen, du meinst gesellschaftliche Schweinereien? Das stimmt schon, alle Songs von Isolation Berlin sind eher introspektiv, aber ich trau den Jungs auch zu, dass sie da beim nächsten Mal eine völlig andere Richtung einschlagen, wer weiß. Der große Liebesschmerz scheint jetzt überwunden und wird sicherlich auch mal langweilig als Thema. Aber ich mag die Beziehungssongs von Iso schon sehr, einfach weil sie für mich mehrheitlich nicht abgedroschen, sondern ziemlich echt und originell rüberkommen.
      Ich glaube, dass vielen Bands schlichtweg der Mut für Protestsongs fehlt, sie wollen sich nicht auf dünnes, angreifbares Eis wagen bzw. sie auch eher dem Zeitgeist folgen: nichts ist schwarzweiß, in einer komplexen Welt sollten wir alles differenziert betrachten. Aus dieser Haltung heraus fällt es schwer einen echten Protestsong zu schreiben, meiner Meinung nach.

      1. Es gibt sooo viele Themen, zu denen Musiker mal`ne deutliche Ansage machen könnten.
        Aber jede Band hat auch sein `Management´, was da mitredet bzw. entscheidet.
        Mein absoluter Protestong ist immer `Universal Soldier´ von Donovan. Und dieser song ist aktueller den jeh. Na ja, ich hör natürlich auch andere Songs und mach ja selber auch noch Musik. Hab sogar schon einen Protestsong angedacht und vertont. Aber das nur rein privat.
        Aktuell hab ich eine junge Japanerin auf meinem Blog, von der ich bereits vor einem Jahr berichtet hatte. Das ist allerdings richtig geiler Jazzrock.
        Kannst ja mal reinhören und sehen. Der Bassmann ist auch Klasse:
        https://4alle.wordpress.com/2018/04/14/senri-kawaguchico-jazz-japan-award-2017/
        Schöne Restwoche und bleib dir treu!!
        Jürgen aus Loy (PJP)

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