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The Decemberists „The Hazards of Love“ – Eine phantastische Geschichte

Achtung, es wird romantisch! „The Hazards of Love“ von The Decemberists ist das stringenteste Konzeptalbum, das ich kenne: eine phantastische Geschichte um eine junge Frau, einen Gestaltenwandler, eine Waldkönigin und einen bösen Kindsmörder.

Als das Zeitalter von MP3 begann, brach für Konzeptalben eine schwere Zeit an. Spätestens ab dann konnte sich jeder seine eigenen Playlists nach Lust und Laune zusammenstellen – hörte jetzt noch jemand ein Album von vorn bis hinten? Doch Konzeptalben brauchen genau dieses konzentrierte Hören, denn jeder Song steht in Verbindung mit den anderen, nicht selten ziehen sich musikalische Themen durch alle Stücke. Sie stellen sich dem Trend der zusammengewürfelten Playlists entgegen und sind eben deshalb ein besonderer Genuss!

Ich liebe es, wenn eine durchgängige Geschichte erzählt wird oder ein bestimmtes Thema im Mittelpunkt steht. Und die US-amerikanische Band The Decemberists haben mit ihrem 2009 erschienen Album „The Hazards of Love“ ein Musterbeispiel eines Konzeptalbums auf den Markt gebracht, das zudem sehr stark an Musicals erinnert.

Drama-Queens

Die fünf Indie-Folk-Musiker um Gitarrist und Sänger Colin Meloy sind eine Band, die sich für Dramatik und Gefühle nicht zu schade sind. Ihre Emotionen kommen aus den Tiefen der Seele, inbrünstig und wahrhaftig. Sarkasmus, Ironie? Nicht bei The Decemberists. In einer zynischen Welt feiern sie die große Liebe und tief-menschliche Gefühle.

Schon beim Vorgängeralbum „The Crane Wife“ (2006) hatte sich die amerikanische Band an einem Konzeptalbum versucht und widmeten sich einer japanischen Legende, leider nicht mit der erhofften Konsequenz (zwischendrin geht es noch um Krieg und irische Terroristen, die „Shankill Butchers“). Mit „The Hazards of Love“ brachten sie das Genre  allerdings zur Vollendung.

Es ist eine phantastische Geschichte, die das Album erzählt. Ich stelle mir gern das mittelalterliche England als Schauplatz vor, mit dichten Wäldern und nebelverhangenen Wiesen.

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Quelle: pixababy.com

Das ist die Tracklist, auf diese werde ich mich mittels der Nummern im folgenden Text beziehen:

  1. Prelude
  2. The Hazards of Love 1 (The Prettiest Whistles Won’t Wrestle the Thistles Undone)
  3. A Bower Scene
  4. Won’t Want for Love (Margaret in the Taiga)
  5. The Hazards of Love 2 (Wager All)
  6. The Queen’s Approach
  7. Isn’t It a Lovely Night?
  8. The Wanting Comes in Waves/Repaid
  9. An Interlude
  10. The Rake’s Song
  11. The Abduction of Margaret
  12. The Queen’s Rebuke/The Crossing
  13. Annan Water
  14. Margaret in Captivity
  15. The Hazards of Love 3 (Revenge!)
  16. The Wanting Comes in Waves (Reprise)
  17. The Hazards of Love 4 (The Drowned)

Was nun folgt, ist, wie ich den Plot der Geschichte höre. Vieles in den Texten bleibt  rätselhaft und ist mitunter nicht leicht verständlich. Die alte, gehobene Ausdrucksweise machen die Texte authentisch, aber nicht leicht zu entschlüsseln.

Die Geschichte

Alles beginnt damit, dass Margaret – ich stelle sie mir gern als adlige, junge Frau in einem Kloster vor – heimlich in den Wald ausreitet (2.). Dort begegnet sie einem verwundeten Rehkitz.

My true love went riding out
In white and green and gray
Past the pale of Offa’s Wall
Where she was want to stray
And there she came upon
A white and wounded fawn

Wer oder was dieses verwundet hat, bleibt offen. Das hilflose Tier erregt ihr Mitleid und sie verbindet seine Wunden. (Nebenbemerkung: Mit Offa’s Wall ist offensichtlich Offa’s Dyke in Großbritannien gemeint, ein frühmittelalterlicher Grenzwall aus dem 8. Jahrhundert.)

Die Dämmerung bricht herein und das Wunder geschieht: Das Kitz verwandelt sich in einen jungen Mann namens William. (The taiga shifted strange/ The beast began to change.) Es kommt, wie es kommen muss: Beide verlieben sich auf der Stelle ineinander. Auf dem Waldboden geht es gleich zur Sache. Doch das Stelldichein hat Folgen: Margaret wird schwanger.
Ihren Umstand kann sie einige Monate später nicht länger geheim halten. Die Klostergemeinschaft ist entsetzt und eine Nonne legt ihr nahe, sich und das Kind im nahen Fluss zu ertränken, ehe sie ihrer Familie Schande macht (3.):

Thou inconsolable daughter
Said the sister
When wilt thou trouble the water
In the cistern?
And what irascible blackguard
Is the father?

Doch Margaret denkt nicht daran, sich und ihr Baby zu töten. Stattdessen flieht sie in den Wald, um William zu finden.

Margaret
©  The Decemberists

Sie irrt durch den Wald und ruft nach ihrem Geliebten (4.). Schließlich treffen sich beide wieder. Was folgt, ist eines der romantischsten Liebeslieder, das je geschrieben wurde (5.):

And here I am / softer than a shower
An here I am to garland you with flowers
to lay you down in a clover bed
the Stars a roof above our heads
And all my life / I never felt the tremor
and all my life / that now disturbs my finger

Wilhelm
© The Decemberists

William und Margaret verbringen eine Liebesnacht in den Wäldern und freuen sich über das Baby, das sie bald erwarten (7.):

Isn’t a lovely night?
And so alive with fireflies providing us their holy light
And here we made a bed of boughs 
And thistle down that we had found to lay upon the dewy ground

And isn’t a lovely way 
We got in from our play, 
Isn’t it babe? A sweet little baby

Schließlich schlafen William und Margarete ein. Sie ahnen nicht, dass sie beobachtet wurden. Von der Königin des Waldes, der „Queen“, Williams „Mutter“. Sie ist ein Waldwesen, fähig, sich in einen Menschen zu verwandeln, aber auch die Form eines gigantischen Baumes anzunehmen – uralt, mächtig und in absoluter Kontrolle über alle Wesen im Wald und William. Im Song „The Queen’s Rebuke/The Crossing“ (12.) singt sie über sich selbst:

I’m made of bones of the branches the boughs and the bough beating light
Well my feet are the trunks, my head is the canopy
And my fingers extend to the leaves in the eves
And a bright, brighter shine
It’s my shine

Queen
© The Decemberists

Sie ist zornig, dass ihr „Sohn“, den sie einst vor der Menschenwelt rettete, sich in eben so ein Exemplar verliebt und sie dadurch verrät. Sie ruft William von Margaret fort und stellt ihn zur Rede (8.):

Remember when I found you
The miseries that hounded you
And I gave you motion
Anointed with lotions
And now
This is how I am repaid

Es bleibt ein Geheimnis, wovor die Queen William damals als Baby gerettet hat. Vor grausamen Eltern? Vernachlässigung? Wurde er ausgesetzt und von der Waldkönigin  gefunden? Sie gab William die Form eines Kitzes, damit er in den wilden Wäldern überleben kann. Seine menschliche Gestaltet hat er jedoch nie ganz verloren. Ebenso wenig wie sein Verlangen nach anderen Menschen und der Liebe (The wanting comes in waves).

William ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Margaret und seiner Treue zu seiner Mutter. Aber tief in sich ahnt er, dass er mit Margaret und dem Baby nicht im Wald zusammen leben kann. Zu rau, zu gefährlich ist dieser Ort für Menschen. Er macht seiner Mutter einen Vorschlag: Er möchte eine letzte Nacht mit Margaret verbringen, dann trennt er sich für immer von ihr.

Mother hear this proposition right
Grant me freedom to enjoy this night
And I’ll return to you at break of light
For the wanting comes in waves

Die Königin willigt ein. William kann zu Margret zurückkehren und fällt in einen tiefen Schlaf (9.)

Die Musik wechselt und ein neuer Charakter erscheint auf der Bühne: Rake, ein Wüstling und Schwerenöter (10.). Einst zwangen ihn gesellschaftliche Konventionen zu heiraten und schon bald gebar seine Frau vier Kinder. Bei der letzten Geburt sterben sie und das Baby. Die verbleibenden drei Halbwaisen sind Rake ein Klotz am Bein, also bringt er sie um:

Charlotte I buried after feeding her foxglove
Dawn was easy, she was drowned in the bath
Isaiah fought but was easily bested
Burned his body for incurring my wrath

Rake
© The Decemberists

Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige! Im Gegenteil, Rake singt: You think that should’ve been haunted, but it never really bothers me.

Was im Folgenden passiert, ist aus den Lyrics nicht abschließend herauszulesen. Meine Interpretation ist folgende: Die Queen erkennt in dem grausamen Rake einen perfekten Handlanger für ihre Zwecke: Margaret zu entführen und zu töten. Denn sie ahnt: William wird sein Versprechen nicht halten, eines Tages wird er zu Margaret zurückkehren und sie verlassen. Sie verhext Rake, der daraufhin in den Wald reitet. Zwischenzeitlich legt sie einen Zauber über Margaret und lockt sie von der Schlafstätte fort, in der William selig schläft. Im Wald fällt sie Rake in die Hände, der sie entführt (11.).

William schreckt aus dem Schlaf und findet sich allein vor. Meine Theorie ist, dass die Queen hätte William weismachen wollen, Margaret hätte William verlassen und sei wieder zu den Menschen zurückgekehrt. Doch der Plan geht nicht auf. Seine Freunde, die Tiere des Waldes, flüstern William, dass Margaret in den Fängen von Rake ist. William verliert keine Sekunde und springt auf sein Pferd (wo kommt das denn her??), um seine Geliebte zu retten.

Die Queen, deren Ohren und Augen überall sind, bekommt davon Wind und fliegt Rake mitsamt Margaret auf die andere Seite eines mächtigen, verwunschenen Flusses namens Annan Water, hinter die Mauer einer Festung (12.). Das soll William aufhalten, so der Plan der Queen. Doch William denkt nicht daran aufzugeben, sondern unterbreitet dem Fluss einen Deal: Wenn dieser ihn hinüberlässt, um Margaret zu retten, darf der Fluss ihn danach mit sich reißen und verschlucken (13.):

But if you calm and let me pass
You may render me a wreck when I come back
So calm your waves and slow the churn
And you may have my precious bones on my return

Für den mordlüsternen Fluss ein guter Deal und er willigt ein. 

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Quelle: pixabay.com

Währenddessen wird Margaret von Rake geschlagen und gefoltert. Unter Schmerzen ruft sie verzweifelt nach William, doch Rake lacht nur darüber (14.):

Don’t hold out for rescue.
None can hear your call,
Till I have wrest and wrecked you
Behind these fortress walls.

Bevor Rake Margaret töten kann, geschieht das Unerwartete: Die Geister seiner drei ermordeten Kinder erscheinen Rake. Und singen ihm ein Lied (15.): 

Father I’m not feeling well, the flowers me you fed
Tasted spoiled for suddenly I find that I am dead
But father don’t you fear, your children all are here
Singing oh, the hazards of love

Sie verfolgen Rake, der den Verstand verliert. Und so ist er nicht vorbereitet, als William erscheint und ihn nach einem kurzen Kampf tötet (16.). Margaret und William fallen sich in die Arme und sind endlich wieder vereint.

Happy end? Leider nicht.

Margaret hat während der Folter ihr Kind verloren. Den kleinen Körper vergraben sie am Flussufer. William möchte wissen: War es ein Junge oder ein Mädchen? (17.)

Margaret, array the rocks around the hull before we’re sinking,
A million stones, a million bones, a million holes within the chinking.
And painting rings around your eyes, these peppered holes so filled with crying.
A whisper weight upon the tattered down where you and I were lying.
Tell me now, tell me this, a forest’s son, a river’s daughter?

Doch es bleibt nicht viel Zeit zum Trauern. Der Fluss fordert seinen Tribut und als Kind des Waldes gibt es für William kein Entkommen. Doch auch Margaret kann und will ohne William nicht mehr leben. Während das Wasser um sie herum immer höher steigt, beschließen sie spontan sich zu vermählen:

So let’s be married here today these rushing waves to bare our witness,
And we will lye like river stones rolling only where it takes us.

In den letzten Minuten ihres Lebens sprechen sie ihr Gelübde, ehe die Wellen ihrem Leben ein Ende setzen:

With this long last rush of air we speak our vows and sorry whispers,
When the waves came crashing down, he closed his eyes and softly kissed her.

Zurück bleibt die traurige Erkenntnis:

The hazards of love
never more will trouble us

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Quelle: pixabay.com

Fazit: Mit „The Hazards of Love“ ist The Decemberists ein Konzeptalbum gelungen, das mittels wiederkehrender Melodien und Themen eine in sich stimmige, zauberhafte Geschichte erzählt und es schafft, unverwechselbare Charaktere zu erschaffen. Dies ist nichts zum Nebenbeihören mit halbem Ohr, sondern bedarf der vollen Aufmerksamkeit, um die Geschichte überhaupt zu verstehen. Mehrmaliges Hören ist notwendig, um in die komplexen Melodien hineinzufinden. Aber dann eröffnet sich der Kosmos einer wunderschönen, aber tragischen Geschichte, die in ihrer Stringenz (wahrscheinlich) ihresgleichen sucht.

Jetzt seid ihr gefragt: Was haltet ihr von meiner Interpretation? Seht ihr etwas anders? Kennt ihr andere Konzeptalben, die euch begeistert haben? Schreibt mir doch in die Kommentare, ich freue mich!

2 Kommentare zu „The Decemberists „The Hazards of Love“ – Eine phantastische Geschichte

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