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Zurück ins Fantasieland – Grandaddy, Last Place (2017)

Es möge jeder die Hand heben, der auch ein Gewohnheitstier ist. Wie in so manch anderen Bereichen, bin ich auch in Sachen Bands treu. Heißt, habe ich mich erstmal verschossen, führen wir ein sehr exklusives Leben und sie ist meine Nummer eins auf der Playlist. Kein Bock was anderes zu hören. Nope! In Sachen Musik hält der schöne Rausch aber meist nur wenige Wochen an. So wird es wahrscheinlich auch mit meiner neuesten Liebe enden: den großartigen Grandaddy, auf die mich der Zufall brachte.

Lange Autofahrt, die Playlist mit alten Bekannten endet. Hach! Immer wieder schön. Was als nächstes hören? Die Entscheidung wird überfällig, denn ein unbekanntes, nicht heruntergeladenes Lied startet. Mehr als lebensgefährlich! Gehen doch dafür mobile Daten drauf! Aber was ist das? Ein witzige Melodie, gleich einem Computerspiel, dazwischen lakonischer Gesang, der an Weezer und Eels erinnert. Ok, dann doch mal geschaut, was das ist: A.M. 180 von Grandaddy. Schnell im Notizbuch notiert und gedacht: Die muss ich mir näher anhören.

Ein paar Tage sind seitdem vergangen, W-Lan wieder vorhanden und mittlerweile hat sich diese Band aus Kalifornien tief in die Gehörgänge eingegraben. Das neue, im März 2017 veröffentlichte Album Last Place ist einfach großartig. Es erzählt unter anderem die Geschichte des Roboters Jed 4th, dem Sohn von Jed The Humanoid. Dieser war Protagonist des Vorgänger-Albums The Sophtware Slump (2000), ein Gedichte schreibender Android, der sich zu Tode gesoffen hat. Nun findet sich der Roboter-Sohn in einer ähnlichen alkoholischen Misere wieder (But Jeddy-4’s in Betty Ford …) Andere Songs thematisieren die Scheidung des Frontmanns Jason Lytle von seiner Frau und dem vorausgehenden Umzug in die Hipster-Metropole Portland, der wohl das Ende vom Anfang darstellte. „I don’t want to live here anymore“ ist eine Anti-Hymne auf die Stadt.

I just moved here,
and I don’t wanna live here anymore

In einem Interview sagt er: „It’s still kind of a funny song, and I just realized it’s probably a typical feeling a lot of people have when they end up someplace new and you have to reorient yourself.“ Wo er Recht hat, hat er Recht.

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Frontmann und kreativer Kopf von Grandaddy: Jason Lytle  Bild: Sonic PR

Überschattet wird die Veröffentlichung – die immerhin zehn Jahre auf sich warten ließ – von dem plötzlichen und tragischen Tod des Band-Bassisten Kevin Garcia im Alter von nur 41 Jahren. Frontmann Jason Lytle über den Verlust seines langjährigen Freundes: „All of us were just in shock. You know, he was doing so well. He had a big scare in March and was in and out of the hospital, but he got the green light from the doctor to go on tour. He was really cleaning up his act, just eating well and losing weight and really doing well. This whole second bout just came out of nowhere and it all happened so fast. It was really a terrible surprise.“ (Quelle) Die bevorstehende Tour wurde abgesagt und es ist nicht klar, ob und wann Grandadyy wieder live zu sehen sein werden.

Eigentlich sollte dies ein fröhlicher Beitrag werden. Denn bevor ich von dem tragischen Verlust las, hatte die Band für mich etwas sehr Junges, Unbeschwertes – bedingt durch die immer junge Stimme des Frontmanns – , gewürzt mit einer Prise Skurrilität und Lakonie. Jason Lytle verkündet zwar zur Veröffentlichung des fünften Studioalbums: „Auf allen Grandaddy-Alben ging es um das Scheitern von Beziehungen. Ich habe versucht, ein normaler Mensch zu sein. Ich habe versucht, es so zu machen wie alle anderen, aber es hat mal wieder nicht hingehauen – also habe ich mich erneut ins Fantasieland zurückgezogen“ (Quelle), aber die Musik klingt nicht so, als hätte er es ungern gemacht. Eher nach einem entspannten Beobachter, der nun still, aber mit einem warmen Lächeln um die Lippen, das bunte Treiben aus der Ferne beobachtet, froh nicht mehr mitmischen zu müssen.

© Jana Benke

Anspieltipps: A.M. 180, Brush with the wild, The Boat is in the barn, I don’t want to live here anymore, This is the part

 

Ein Kommentar zu „Zurück ins Fantasieland – Grandaddy, Last Place (2017)

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