Neutral Milk Hotel „In The Aeroplane Over The Sea“ – Das anstrengendste Album aller Zeiten

Habt ihr auch eine Band, die ihr nur heimlich hört, weil andere sie mies finden könnten, dies aber einem Dolchstoß in eurer Herz gleich käme? Diese Band ist für mich Neutral Milk Hotel. Seit mir jemand sagte, die Stimme des Sängers nerve, habe ich sie niemanden mehr vorgespielt und höre sie nur allein, wenn ich mich musikalisch mal wieder richtig anstrengen möchte. Eigentlich schade. Denn das Album „In the Aeroplane Over the Sea“ gilt als Meilenstein (Meisterwerk! Manifest!) des Indie-Folk. Auch fast 20 Jahre nach Erscheinen löst es bei Fans kollektives Entzücken aus. Was steckt hinter dem Hype um dieses Album?

Die amerikanische Band Neutral Milk Hotel sind der ewige Geheimtipp der Indie-Folk-Szene: Nie wirklich bekannt geworden, scharen sie doch eine Menge glühende Verehrer um sich. Sie haben Bands wie Arcade Fire oder The Decemberists inspiriert und sich mit nur zwei Alben („On Avery Island“, 1996, und „In the Aeroplane Over the Sea“, 1998) unsterblich gemacht. Danach war Schluss, Sänger Jeff Mangnum wurde der Trubel zu viel, er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, die Band löste sich auf. 2013 gab es ein kurzes Comeback für eine Tour. Ansonsten Funkstille, kaum News, ein paar Projekte hier und da. Neutral Milk Hotel sind der J.D. Salinger unter den Musikern. Ihr bestes Werk haben sie mit „In the Aeroplane Over the Sea“ abgeliefert. Danach folgte Leere.

Ich habe die Platte 2010 entdeckt aufgrund einer Rezension, in der eine Frau sinngemäß schrieb: Wenn ich nur ein einziges Album bis an mein Lebensende hören dürfte, dann wäre es „In the Aeroplane Over the Sea“. Kühne Behauptung! Um die zu überprüfen, musste ich mir die Platte natürlich auch zulegen.

Mein erster Eindruck: Was für eine Klangfülle! Schnell, atemlos…Und, verdammt, diese Texte machen keinen Sinn…Und warum singt der Typ so gequält??

Zweiter Eindruck: Wow! Was für ein grandioses Werk!!
Aber irgendwie auch anstrengend…

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Neutral Milk Hotel, Sänger Jeff Mangnum als zweiter von rechts. Bild: Will West Brook

Das liegt zum einen an der Instrumentalisierung. Böse Zungen behaupten zwar, jeder mit mittelmäßigen Gitarrenkenntnissen könne es schaffen die einfach strukturierten Songs zu spielen. Vielleicht stimmt das sogar. Aber es sind die Arrangements, der überbordende und gleichzeitig überraschende Einsatz der Instrumente, der die Songs überragend werden lässt. Und von diesen gibt es nicht zu knapp: Gitarre, Klavier, Posaune, Saxophon, Trompete, Heimorgel, Akkordeon, die Liste der Instrumente ist lang.

Noch anspruchsvoller wurde es, als ich nach und nach die kryptischen, surrealen Texte durchstieg. Vergänglichkeit, Krieg, Tod, Holocaust…Ich verstand immer mehr, warum die Songs so sind wie sie sind – intensiv, quälend, rastlos.

Vor der Aufnahme des Albums hatte Jeff Mangnum das Tagebuch der Anne Frank innerhalb von zwei Tagen gelesen. Er war tief betroffen und voller Trauer über das Schicksal des jüdisch-deutschen Mädchens, das stellvertretend für Millionen ermordeter Juden im Nationalsozialismus steht. Im Song Holland 1945 sind die Referenzen auf Anne Frank unverkennbar:

But then they buried her alive
One evening 1945
With just her sister at her side
And only weeks before the guns
All came and rained on everyone

Diese Zeilen spielen darauf an, dass Anne Frank und ihre Schwester Margot im Februar/März 1945 starben, bevor wenige Wochen später, am 15. April, britische Truppen das Lager Bergen-Belsen befreiten. Der Song schließt mit der bitteren Anklage Mangnums, die zu jeder Zeit eines jeden Krieges gilt und immer gelten wird:

And it’s so sad to see the world agree
That they’d rather see their faces fill with flies
All when I’d want to keep white roses in their eyes

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Das schräge Artwork manifestiert die Aura des Geheimnisvollen, die das Album umgibt.

Schaut man noch näher hin, finden sich viele weitere Lyrik-Referenzen auf Anne Frank in den Songs:

Anna’s ghost all around,
Hear her voice as it’s rolling
and ringing through me.
(In the Aeroplane Over the Sea)

I know they buried her body with others
Her sister and mother and 500 families
And will she remember me 50 years later
I wished i could save her in some sort of time machine
(Oh Comely)

Aus all dieser Traurigkeit ragt das helle und leichte „In the Aeroplane Over the Sea“ heraus, in dem es zwar auch, wie oben erwähnt auch Anspielungen auf Anne Frank gibt, aber vornehmlich um Vergänglichkeit geht, aus der aber auch ein großes Glück entstehen kann:

And one day we will die
And our ashes will fly from the aeroplane over the sea
But for now we are young
Let us lay in the sun
And count every beautiful thing we can see
Love to be
In the arms of all I’m keeping here with me

Das ist schön und traurig zugleich. Und bedarf keiner weiteren Worte.

Anspieltipps:

The king of carrot flowers Pt 1 (1)
In the aeroplane over the sea (3)
Holland 1945 (6)

Vom ersten Album „On Avery Island“:

A baby for pree (15), Titel falsch geschrieben auf Spotify…
Where you’ll find me now (17)
Naomi (21)

Ihr wollt noch mehr wissen?

Hier ein treffendes Review von theneedledrop auf youtube.

2 Kommentare zu „Neutral Milk Hotel „In The Aeroplane Over The Sea“ – Das anstrengendste Album aller Zeiten

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