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Ist Selbstmord eine Lösung? Die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ (und ihr Soundtrack)

Antiwerbung ist die beste Werbung. Keine andere Serie ist zurzeit so sehr in aller Munde wie die Netflix-Serie „13 reasons why“ (deutsch: Tote Mädchen lügen nicht). Die Kritik: Die Serie würde Jugendliche bestärken, sich das Leben nehmen. Übertrieben oder berechtigt? Meine Neugier war geweckt. Und da ich schon lange nicht mehr zu der angeblich gefährdeten Zielgruppe gehöre, konnte ich mir schließlich die Serie gefahrlos anschauen, nicht wahr? Was ich fand, war eine aufwühlende Serie mit einem hervorragenden Soundtrack. 

Hannah Baker, bildhübsch, 17 Jahre alt und High-School-Schülerin, ist tot. Selbstmord. Ihr Kumpel Clay findet wenige Tage später dreizehn Kassetten auf seiner Türschwelle. Dreizehn Aufnahmen mit dreizehn Gründen, auf denen Hannah erzählt, warum sie sich das Leben genommen hat. Clay erfährt, auf wie viele unterschiedlichen Arten er selbst und andere Mitschüler Hannah verletzt haben, bis sie meinte, es gäbe keinen anderen Ausweg mehr…
Wer jetzt ein einziges Trauerspiel erwartet, dem sei versichert: Die Serie dosiert Emotionen und Melancholie punktgenau. An keiner Stelle rutscht sie in Sentimentalität ab. Und ist außerdem ein Meisterstück an Spannung. Man mag den Plot als zu konstruiert empfinden, aber Fakt ist: Die Regisseure verstehen es, immer wieder neue Fragen aufzuwerfen, nach deren Beantwortung man quasi giert. Und vor allem will man wissen, was der gute und nette Clay getan hat, um Hannahs Selbstmord zu bedingen.
Underwater Girl
Netflix antwortet leider nicht auf meine bescheidene Anfrage nach Bildern, deswegen gibt es hier diese reizenden, metaphorischen Illustrationen.
Die Serie hat besonders wegen des gezeigten Selbstmordes hohe Wellen geschlagen. Der gemeinnützige Verein zur Aufklärung über Suizid „Freunde fürs Leben“ schreibt in einer offiziellen Stellungsnahme: „Durch die detaillierte Darstellung von Hannahs traumatischen Erfahrungen sowie ihres Suizids sollen seelisch unbelastete Menschen ihr Leiden und ihre Gefühlswelt besser nachempfinden und verstehen können. […] Bei dieser Strategie besteht allerdings tatsächlich die Gefahr, dass sich Zuschauer mit Depressionen oder akuten Suizidgedanken mit der Hauptfigur Hannah identifizieren und die scheinbare Ausweglosigkeit ihrer Geschichte auf ihren eigenen Leidensweg projizieren.“
Man mag darüber streiten, ob diese Sorgen berechtigt sind, Fakt ist: Der Selbstmord ist harter Tobak – und im Vergleich zu der Romanvorlage von Jay Asher noch drastischer gewählt worden. So realistisch, kalt und echt habe ich noch keinen gesehen, zumal von einem gesunden, jungen Menschen. Fast abgebrüht, wie Hannah da ihrem Leben ein Ende setzt. Selbstbestimmt. Fast schon trotzig.
Man kann darüber diskutieren, ob er gerechtfertigt ist oder überzogen. Ist dies nicht die vorschnelle Reaktion eines Teenagers, der zu schnell aufgibt? Hätte sie sich nicht ihren liebevollen Eltern anvertrauen können?
Aber was rede ich: Natürlich war es eine vorschnelle Reaktion. Der abgedroschene Spruch „Es gibt immer einen Weg“ stimmt auch hier. Doch eines sollte man nicht vergessen: Die Sprachlosigkeit, die Probleme, die Einsamkeit, das Mobbing – haben wir das nicht alle in der Pubertät auf die ein oder andere Art und Weise erlebt? Und hat das uns nicht in dieser fragilen Zeit alle bis ins Innerste getroffen?
Ja, es tat richtig weh, aber war natürlich kein Grund sein Leben wegzuwerfen. Obgleich, das, was Hannah in der Serie erlebt, ungleich schlimmer ist.
Droht der „Werther-Effekt“?
Bis ich die Serie sah, wusste ich nicht, dass die Zahl der Selbstmorde unter den 15- bis 20-Jährigen über die Jahre nahezu konstant bleibt und bei rund 130 pro Jahr liegt. Insgesamt sterben in Deutschland jedes Jahr rund 10 000 Menschen durch Selbstmord; mehr Todesopfer als durch Verkehrsunfälle, Drogenmissbrauch und Aids zusammen. Rund Dreiviertel davon sind Männer. Eine verstörende Zahl, aber man hört so wenig über diese Tode. Medien berichten nicht über Selbstmorde. Unter anderem, weil der sogenannte „Werther-Effekt“ gefürchtet wird. Der Begriff geht zurück auf den Briefroman von Johann Wolfgang Goethe „Die Leiden des jungen Werthers“, der 1774 das Lebensgefühl einer ganzen Generation traf und wohl das Vorbild für eine Reihe von Selbsttötungen war. Und genau diesen „Werther-Effekt“ befürchten Kritiker jetzt auch von der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“.
Man or woman hit by darts with target on head
Im positiven Sinne vermag die Serie hoffentlich vor allem eins: auf die schwierige Lebenswelt von Jugendlichen aufmerksam zu machen. Cybermobbing, sexuelle Belästigung, Verrat und auch die kleinen, alltäglichen Verletzungen, die wir uns gegenseitig zufügen, ob unabsichtlich oder weil man sich selbst fürchtet, und die sich so summieren können, bis jemand keinen Ausweg mehr sieht. Ich finde, die Serie bietet eine hervorragende Vorlage, sich mit dem Thema Selbstmord zu beschäftigen und wäre auch ein spannendes Material, um sich in der Schule mit Mobbing und Suizid pädagogisch auseinanderzusetzen.

Na, neugierig geworden? Dann schaut euch die Serie an und schreibt mir gern, wie ihr sie fandet. Sie ist allerdings nichts für euch, wenn ihr 1. High-School-Geschichten nicht viel abgewinnen könnt, 2. euch stört, dass die Schauspieler nicht wie 17 aussehen und 3. ihr mit den Problemen pubertierender Menschen nicht (mehr) viel anfangen könnt.

Aber selbst wenn ihr der Serie nichts abgewinnen könnt: Der Soundtrack ist fantastisch, eine exzellente Auswahl an Songs von Bands, die mir weitgehend unbekannt sind. Ein guter Fundus also, um den musikalischen Horizont zu erweitern! Ruhige Songs wechseln sich mit lebhaften ab, und gerade das macht sie zu einer perfekten Party-Playlist – so blöd das klingt angesichts des ernsten Serien-Hintergrunds.

Anspieltipps:
„The Night we met“ (15.) von Lord Huron (eine sehnsuchtsvolle Ballade, tief romantisch und einfach schön)
„Love will tear us apart“ (2.), der Klassiker von Joy Division
„Run Boy Run“ (8.) von Woodkid
„Doing it to death“ (9.) von The Kills
„The Stand“ (28.) von The Alarm.

Diesen Song könnt ihr getrost skippen: „Only you“ von Selena Gomez.

© Jana Benke