Musiktipp: Kashmir – Die dänische Band und ihre Crux mit der Zeit

Kennt ihr Kashmir? Nein, nicht die sündhaft teure Wolle, sondern die Band aus Dänemark. Obwohl dort Superstars, gelten sie hierzulande eher noch als Geheimtipp. Zu Unrecht, finde ich. Aber ich gebe zu – die Musik von Kashmir ist…speziell. Warum, das hört und lest ihr in meinem Text. Und über das große Thema in ihren Songs: Zeit.

Ich gebe zu: In meinen letzten Beiträgen habe ich mich etwas von dem Thema dieses Blogs entfernt. Ging es dabei oft um die reine Musik (gar instrumental) und kaum ein Wort zu irgendwelchen Songtexten. Ich finde das nicht schlimm und ich hoffe, auch ihr seht mir das nach, wenn ich mich nicht sklavisch an mein eigenes Blogthema halte. Bei Computerspielen, Serien und Filmen geht es ja auch eher um die Stimmung, die transportiert wird, als um handfeste Aussagen.

Ganz anders bei Kashmir. Bei dieser Band hatte ich schon immer das Gefühl, Text und Stimme stehen im Mittelpunkt des Geschehens, und Klänge und Sound ist dazu da, diese zu tragen und zu unterstreichen. Die Lyrics sind aus einem Guss. Nix kneift oder holpert da, die Wörter sitzen und fließen mit der Musik. Hochpoetisch und nicht immer einfach auszulegen. Aber das macht ja auch gute Poesie aus. Sie passt auf jeden. Irgendwie.

Kashmir_kleiner
Ich hatte das Glück, Kashmir 2013 beim Hurricane sehen zu können.

Aber wer sind Kashmir eigentlich, fragt ihr euch jetzt vielleicht? Hier ein paar Fakten zu Kashmir, für diejenigen, die die Band gar nicht kennen:

  • 1991 von Kasper Eistrup, Mads Tunebjerg und Asger Techau in Dänemark gegründet
  • hießen als Band zunächst Nirvana (ihr ahnt, warum sie sich umbenannten)
  • Es gibt drei Gründungslegenden, wie sie zu dem Namen Kashmir kamen:
    1. Eistrup erschien im Traum ein Zwerg, der ihn beschwor die Band “Kashmir” zu nennen (WTF!?)
    2. Angeblich haben sie keine anderen Namen gefunden, in denen die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen (K, M, A) enthalten sind.
    3. “Kashmir”, der Song von  Led Zeppeling, war der einzige Song, auf denen sich die Musikliebhaber mit unterschiedlichen Geschmäckern einigen konnten
  • Kashmir haben acht Studioalben veröffentlicht; richtig berühmt wurden sie 1999 mit “The good life”, mit dem sie sechs dänische Grammys gewannen.
  • Mit Zitilites (2003) wurden sie auch international bekannter. Es folgten die Alben No Balance Palace (2005), Trespassers (2010), Katalogue (Best of Album 2011) und E.A.R (2013).
  • Zwei Legenden auf einer Platte: Auf “No Balance Palace” singt Kasper Eistrup mit David Bowie und im Song “Black Builiding” rezitiert Lou Reed ein Gedicht. Mehr musikalischer Ritterschlag geht nicht.

Je mehr ich mich mit Kashmir beschäftige, desto stärker fällt mir auf: Spätestens ab dem Album Trespassers wird die Zeit und deren Verrinnen zum bestimmenden Thema. 

Hier habe ich euch in der exakten Reihenfolge alle Lieder zusammengestellt, um die sich sich gleich drehen wird:

Anklänge daran finden sich schon in dem Lied „Aftermath“ auf Zitilites, ein Liebeslied, das sich um eine Trennung dreht. Folgende Zeile erzählen von perfekten, längst vergangenen Momenten, eingefroren in Fotografien:

but the everyday just can’t compete
with the beauty of a polaroid
where the fairytale endures complete
and her eyes are always full of joy

Noch mehr Fundstücke finden sich auf dem Album Trepassers, so zum Beispiel in “Time deserted us”:

time has deserted us
so have our days
the author has written us
out of his play
and without a sound
i’ll slowly glide away

Ganz offensichtlich geht es auch hier um die Trennung von einer geliebten Person. Ich mag das Bild eines Autors, der die Liebenden aus dem Stück gestrichen haben – eine Metapher für das Gefühl plötzlich auf dem Abstellgleis des Lebens gelandet zu sein. Etwas, womit Sänger Kasper Eistrup wohl leidvolle Erfahrungen gemacht hat: 2013 hatte er seine dritte Ehe hinter sich. Wie der aktuelle Stand mit seiner aktuellen Freundin ist, konnte ich mangels fehlender Dänisch-Kenntnisse nicht abschließend feststellen. Aber hier geht es ja auch nicht um Klatsch und Tratsch. 😛

Noch eindeutiger um die Zeit dreht es sich in „Danger Bear“, einer melancholischen, streicherschweren Ballade:

Time is a fever
A crystal breeze
An iron flame
Time is a deceiver
You think you own
And it turns away
Fast oh so fast it burns
Like a comet that crashes our sphere

Kashmir bringen hier das Dilemma der Zeit auf den Punkt. Man glaubt, man hätte noch reichlich davon, möchte noch dieses oder jenes tun, aber natürlich alles später, aber schließlich ist der Moment verstrichen. Und das, obwohl einem Tage wie zäher Kaugummi vorkommen können und man denkt, sie vergehen nie. Das ist das Paradoxon der Zeit: Erfüllte Momente mit Tätigkeiten, die wir lieben, verfliegen wie im Zeitraffer und erscheinen uns aber im Rückblick viel länger als Zeit, die wir mit langweiligen Alltäglichkeiten verbracht haben.

In den Liedern von Kashmir klingt eine gewisse Rastlosigkeit mit, die sich schnell erklärt, wenn man sich anschaut, was Sänger Kasper Eistrup in einem Interview mit laut.de sagte: “[I]n den Songs geht es weniger um den ‚World Peace‘, sondern eher um das Erkunden des ‚Inner Peace‘ – der für mich ein sehr schwieriges Thema darstellt. Wie gesagt, ich bin eine sehr unruhige Person, ich will immer rennen, essen, rauchen, ficken, trinken, was auch immer … etwas machen. Ich denke, das ist die größte Herausforderung meines Lebens: Frieden zu finden. Mit allem, was eben passiert.”

Dies sagte er über das siebte und vorläufig letzte Studioalbum E.A.R, in denen die Themen Verlust, Zeit und das Finden des inneren Friedens noch stärker hervorkommen. Für viele das ruhigste Kashmir-Album, für mich das großartigste. Es hat zig Durchläufe gebraucht, bis es sich in meinem Gehörgang festsetzte, doch bis heute hält dieser Zustand akut an.

Der innere Frieden wird am stärksten thematisiert in dem Song „Peace in my heart“. Ein Frieden, den man hatte und nicht zu schätzen wusste.

Remember when it was just me and you and time
When we’re gonna sleep somewhere down along the line
Discussing our options on how to get some more wine
There was peace in the heart

Von dem Song und den weiteren, von denen ich gleich erzähle, möchte ich euch die Live-Versionen der Musiksendung TV Noir ans Herz legen: reduzierte Versionen, die vom Piano und der stimmlichen Präsenz Eistrups leben. 

Ein langweiligeres Publikum kann man sich zwar nicht vorstellen, man ist fast dankbar über jeden, der etwas mit dem Kopf wippt. Aber gut, vielleicht sah es die Etikette der Show auch nicht vor, dass jemand von seinem Stuhl springt.

Zumindest bei “Seraphina” tauen sie etwas auf – und verdammt, diese Live-Version des Songs ist zum Niederknien.
Ist die Album-Version elegisch, pompös, randvoll mit Tönen, gibt es hier den Song in purer Form – und diese großartigen Zeile über das Leben und den Tod.

Then I was at your funeral
with my best friend
at a dive bar in your neighborhood
where all good things come to an end
he told me over and over again
‘it might be hard to understand but
don’t mourn the dead
but celebrate the life they gave’

‘isn’t it a shame that we have to go away
when there is still so much that we never got to say?
wouldn’t it be nice if we could continue
to the end of the universe and beyond?’

“Don’t mourn the dead, but celebrate the life they gave” Eine wunderschöne und tiefgehende Weisheit. Kasper Eistrup hat für den Song eine Erklärung geliefert, die ich schöner nicht schreiben könnte:  ”’Seraphina’ is a song about saying goodbye to a person of great importance without sinister thoughts and instead remember the positive things they leave behind. That is why the sentence ‘don’t mourn the dead, but celebrate the life they gave’ is so vital for the song. It can be about saying goodbye to a partner, a family member or a good friend and send them on in life, the light, death or oblivion. Seraphina is the name of an angel from the bible that carries six wings other than that there is nothing biblical or religious to the song. Actually it’s just a word I liked.”

Es gibt noch eine letzte Stelle auf “E.A.R”, auf die ich euch aufmerksam machen möchte, im Song „Piece of the Sun“. In den ersten zwei Dritteln ein heller, flirrender Song, ändert er im letzten Drittel abrupt Stimmung und Tonlage. Sorry, es ist kitschig, aber es klingt als würde sich eine Wolke vor die Sonne schieben. Es geht darum, dass glückliche Momente eigentlich immer zu kurz sind und um ihre Vergänglichkeit. Hört euch unbedingt diese Stelle an! Am besten laut und mit Kopfhörern.

The summer is long
The leaves are still green
The scents are so strong
And it seems like forever won’t be enough
And if you should die
Before I get close
I promise I will
Visit your grave
Everyday and bring you purple flowers
There’s still songs to sing
There’s still wine to drink
There’s still time

Ich hoffe, es kam etwas rüber :-D: Ich liebe Kashmir sehr!!! Für mich sind sie eine der genialsten Bands auf diesem Planeten. Ich gebe zu, die Stimme von Eistrup ist etwas gewöhnungsbedürftig und schwingt sich in einzelnen Momenten in Höhen, die dem Gehörgang mitunter etwas weh tun können. Das kann man lieben oder hassen. Ich liebe es!!

Das hohe Fistelstimmchen ist wohl auch der Grund, warum Kashmir sooo oft als die “Dänischen Radiohead” bezeichnet werden. Ich halte das für absoluten Quatsch und bin den Vergleich leid. Meiner Meinung nach ist das so ein Kritiker-Ding: “Oh, der singt aber so hoch wie Thom Yorke…Also nennen wir Kashmir jetzt die dänischen Radiohead und kritisieren sie gleichzeitig dafür. Das lässt mich voll gebildet aussehen, hehe.” Urgs.

Beide Bands haben ihren Stil unabhängig voneinander entwickelt, sind vergleichbar lange schon im Geschäft, und ich finde es reichlich müssig, da was zu vergleichen. Während Radiohead mittlerweile mehr in elektronischen Sphären schweben, greifen Kashmir noch häufiger auf bodenständige Gitarrenmusik zurück. Obwohl sie in “E.A.R” auch ziemlich tief in die Elektronik-Kiste greifen.

Wie auch immer. In meiner Spotify-Playlist habe ich euch weitere Anspieltipps versammelt: Den Fan-Liebling „Ophelia“, das Duett mit David Bowie „The Cynic“ und „Purple heart“, der Kashmir-Song, der am stärksten Tanzlaune weckt. Und „Rocket Brothers“, zu dem es ein verstörendes Zeichentrick-Video gibt, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Sorry! ;-p

© Jana Benke

Zum Weiterlesen:

  • Ein Interview mit Kasper Eistrup aus dem Jahr 2013

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