Eine illustre Gesellschaft – Der Soundtrack der HBO-Serie Westworld

Oder: Warum es sich lohnt über Roboter-Ethik nachzudenken
(ACHTUNG, nachfolgender Beitrag enthält leichte Spoiler, obwohl ich mich nach Kräften bemüht habe, nicht Wesentliches zu verraten. Nur der letzte Absatz fällt da raus und verrät im Groben das Finale.)

Stellen wir uns vor: Roboter, die aussehen wie Menschen. Die nicht wissen, dass sie Maschinen sind. Die fühlen, essen, schlafen, lieben. Die jeden Tag dieselben Wege gehen, ohne es zu wissen. Und die, wenn sie sterben, wieder neu starten, frei von jeder Erinnerung. Sterbliche Unsterbliche – und hinter all dem stehen komplexe Algorithmen. Darf man diese Maschinen quälen, vergewaltigen, töten?

Diese Frage wirft die relativ junge Serie Westworld auf. Die Science-Fiction-Western-Fernsehserie wurde im Oktober 2016 zum ersten Mal ausgestrahlt. Zu sehen ist sie in Deutschland unter anderem auf Sky. Schon länger hat mich keine Serie so mitgerissen, erschüttert und zum Nachdenken gebracht.
Worum geht’s? In einer fernen Zukunft können reiche Menschen einen Freizeitpark der besonderen Art besuchen. Dieser ist im Wild-West-Stil gestaltet – Saloons, Cowboys, Pferde, Sheriffs und jede Menge Sand. Alle Bewohner des Parks, ob menschlich oder tierisch, sind Roboter. Durch kein äußeres Merkmal unterscheiden sie sich von echten Menschen oder Tieren. Die Roboter gehen jeden Tag den gleichen Weg, bewegen sich innerhalb ihrer “Storyline”. Die Besucher, die Menschen, können bei einer dieser Geschichten mitspielen, die Gegend erkunden, sich mit den Saloon-Huren vergnügen oder den ein oder anderen Roboter über den Haufen schießen und sich dabei wie ein Western-Held fühlen. So weit, so lukrativ. Bis eines Tages die Roboter beginnen ihre gewohnten Pfade zu verlassen…

Wer die ersten drei, möglicherweise etwas verwirrenden Folgen durchhält, sieht sich bald mit spannenden philosophischen und ethischen Fragen konfrontiert: Was macht den Menschen zum Menschen? Was ist Bewusstsein? Wie labil ist das moralische Korsett, das uns zusammenhält? Wer sind wir wirklich, wenn uns wirklich alles erlaubt ist? Dürfen wir Maschinen töten, die uns im Äußeren ähneln, aber doch nur künstliche Wesen und programmiert sind? Können sie doch repariert werden und am nächsten Tag ihr “Leben” fortsetzen. Also: So what!?
Alles verdammt spannende Frage, die vielleicht nicht in allzu ferner Zukunft liegen .(Man denke nur daran, in wie vielen Haushalten schon heute Staubsaugroboter fahren oder die Diskussion, ob Roboter eines Tages in der Altenpflege eingesetzt werden sollen.)

Bei meinen Recherchen bin ich doch tatsächlich auf eine Roboter-Ethikerin gestoßen. Sie heißt Kate Darling und ist Wissenschaftlerin am MIT Media Lab in Boston. In einem Workshop hat sie ein Experiment gewagt: Die Teilnehmer bekamen einen Pleo Roboter zugeteilt, einen knuffigen Dinosaurier, der auf Berührungen reagiert und Laute von sich gibt. (Wer sowas noch nie gesehen hat, kann sich den Dino hier ansehen). Die Teilnehmer sollten ihm einen Namen geben, spielten und schmusten mit ihm. Am Ende  des Workshops sollten sie ihn foltern und „töten“. Interessanterweise weigerten sich alle Teilnehmer dies zu tun. Sie hatten Empathie für den Dino entwickelt.
Darling zufolge entstehen diese Gefühle, wenn sich ein Roboter mehr wie ein Tier verhält als eine Maschine. Reagiert und interagiert.
Sie erforscht, ob die Empathie-Übertragung gegenüber einem Roboter genauso stark sein kann wie gegenüber einem Tier. Und ob Menschen, die Roboter schlagen ohne mit der Wimper zu zucken, genauso schnell dabei sind ein Tier zu quälen. Und, wenn ja, ob es in der Zukunft Regeln geben sollte, die verbieten, Roboter zu quälen, weil es die Hemmschwelle für noch mehr Gewalt senken könnte.
In der Serie Westworld gibt es die Quintessenz, dass der Freizeitpark das wahre Ich der menschlichen Besucher zum Vorschein bringt. Heißt im Umkehrschluss: Wer zum Spaß Roboter quält – kann er in der echten Welt dann noch als guter Mensch gelten?

Hubschrauer
Es braucht nur etwas, das aussieht wie Augen – dann wirkt sogar ein Mini-Helikopter ziemlich lebendig. Foto: privat

Aber nicht nur für den Hirnschmalz bietet Westworld viel, sondern selbstverständlich auch für die Ohren (Hey, wir sind doch hier auf einem Musik-Blog!) Genauer gesagt wurden für den Soundtrack jede Menge bekannter Songs instrumental neu interpretiert. Komponist ist der Deutsch-Iraner Ramin Djawadi. In der illustren Reihe der Bands befinden sich unter anderem The Cure, Soundgarden, The Animals, Amy Winehouse, The Rolling Stones und Radiohead. Letztere sind gleich mit vier Songs vertreten. Ist da wohl jemand Fan?
”Well, the album is called Paranoid Android, so it felt natural,”, hat Westworld-Regisseur Jonathan Nolan auf der New Yorker Comic Con im Oktober vergangenen Jahres gesagt. Was insofern ein bisschen peinlich ist, da es kein Radiohead-Album namens Paranoid Android gibt, sehr wohl aber einen Song mit diesem Titel, der auf dem Album Ok Computer zu finden ist….
Dieser Song ist in der Serie dann auch gar nicht zu hören, sondern „Fake Plastic Trees” von The Bends, “No surprises” und “Exit music (for a Film)“ aus Ok Computer und “Motion Picture Soundtrack” von Kid A.

Hier habe ich euch die Playlist erstellt, zusammen mit meinen weiteren Lieblingen, dem Main Theme und der Instrumental- und Original-Version des Rolling-Stone-Klassikers „Paint it Black“.

Das Schöne: Man merkt sehr schnell, dass die Radiohead-Songs passend zur Serie ausgewählt wurden. Da hat sich jemand was dabei gedacht!
Alle vier Songs handeln von einem falschen Leben, Lügen, Eintönigkeit, Stumpfsinn und (in Exit music) von der Flucht daraus. All dies findet sich auch in Westworld.
“No surprises” dreht sich um die Eintönigkeit des Lebens – Job, Haus, schöner Garten – und der Flucht daraus (Selbstmord mit Kohlenstoffmonoxid): “A heart that’s full up like a landfill / A job that slowly kills you / Bruises that won’t heal/ You look so tired, unhappy” Eines der dunkelsten Lieder von Radiohead und daran ändern auch die zarten Töne nix. Freundliche Warnung: Nicht hören, wenn man ohnehin schon unten ist…

In “Fake plastic tree” geht es um Menschen, die in einer Welt aus Falschheit leben und nichts Echtes und Wahres darin finden. Meine Lieblingszeilen: „He used to do surgery /For girls in the eighties /But gravity always wins.“ Wahrere Worte wurden wohl nie gesprochen.
Auf Westworld passen wohl folgende Zeilen am besten: “She looks like the real thing / She tastes like the real thing / My fake plastic love”. Besonders im Hinblick auf eine Figur…Aber ich verrate nichts! 😉

Motion Picture Soundtrack ist ein schwer greifbarer Song von dem noch schwierigeren Album Kid A. Die Zeile “I will see you in the next life” passt wie die Faust aufs Auge auf das Dasein der Roboter, die immer und immer wieder sterben und neu erwachen. Ich bin immer noch begeistert, wie wunderschön die Instrumental-Version des Songs ist! Es droht Gänsehaut-Gefahr bei der Szene, in der eine der Hauptpersonen die Wahrheit hinter ihrem „Leben“ entdeckt und erkennt, dass alles eine Lüge ist.

“Exit Music (for a Film)” ist der lakonische Name für einen Abspann-Song, den Radiohead für den Film “Romeo und Julia” (1996) von Baz Luhrmann geschrieben haben. In dem Song geht es –  oh, Überraschung – um ein junges Liebespaar, das lieber den Freitod wählt als nicht zusammen sein zu können. Sie sind mutig und wahrhaftig in ihren Entscheidungen, auch wenn es ihr Ende bedeutet – und hasserfüllt gegenüber der restlichen Welt: “We hope that you choke.” Genau deshalb passt der Song ganz hervorragend zu dem Finale der ersten Staffel von Westworld.
(ACHTUNG SPOILER!)
Neuerung, Ausbruch, gar Revolution starten just in diesem Moment, untermalt von dieser großartigen Melodie. Inwieweit dieser Aufstand von Menschen gemacht ist oder ob die Roboter tatsächlich einen freien Willen entwickelt haben, das werden wir in der zweiten Staffel erfahren (die wohl leider nicht vor 2018 startet).

© Jana Benke

9 Kommentare zu „Eine illustre Gesellschaft – Der Soundtrack der HBO-Serie Westworld

      1. Kannst du ein paar gute Serien empfehlen? Ähnlich tiefgründig und ungewöhnlich wie Westworld?
        Und ja, ich hoffe auch, dass die zweite Staffel genauso stark weitergeht.

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  1. Guter Beitrag, mich hat die Serie auch nach dem Ende lange beschäftigt und der Soundtrack rotiert in Endlosschleife 😀
    In Battlestar Galactica von 2004 (4 Staffeln) werden ähnliche Themen aufgegriffen, bei der Serie darf man nicht mit Vorurteilen (ach noch so ein Raumschiff Sci-Fi Mist) reingehen und muss sich darauf einlassen – statt um Weltall-Action geht es z.B. viel mehr um Fragen, was unsere Gesellschaft und unser Leben ausmacht.

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    1. Hallo Andreas, vielen Dank für deinen Kommentar! 😊
      Ja, Battlestar ist ähnlich und fand ich auch super! Es fängt relativ langsam an und man meint die Fronten wären klar, aber Pustekuchen.

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  2. AAAAHH wie geil! (Ich hätte erst diesen Beitrag lesen sollen, bevor ich den Computer-Spiel-Beitrag kommentiere 😀 Aber die Idee mit dem parallelen Filmmusik-Empfehlungen steht trotzdem noch xD)
    Ich habe diese Serie gefressen und fand auch die Cover total gelungen. Cool, dass du eine Playlist zusammengestellt hast ❤
    Auch dieses Theme will ich unbedingt mal auf Klavier lernen ❤
    Ich habe leider Deezer, stelle aber immer häufiger fest, dass ich vielleicht zu spotify wechseln sollte. Dann kann ich deinen Playlists und auch denen von z.B. Jayne Cash folgen. (Tolle Musik-Bloggerin, da solltest du auf jeden Fall auch mal vorbei schauen! https://jaynecash.com)
    Allgemein finde ich die Idee mit den Playlists mega gut. Darf ich das nachmachen? 😀 hihi.

    LG
    Lena

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    1. Klar, darfst du diese Idee nachmachen, die ist ja gar nicht auf meinem Mist gewachsen. 😉 Spotify ist irgendwie für mich alternativlos und es lassen sich super unkompliziert Playlists zusammenstellen. Bei Soundcloud hatte ich auch geschaut, ob das geht, aber da hatten sie zum Beispiel nicht alle Westworld-Lieder. Deezer kannte ich, bevor du die Seite erwähnt hast, gar nicht. ^^‘ Lohnt sich das? Nutzt du da auch Hörbücher?

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