Live-Musik

Eloquent scheitern – Mit The Notwist in der Batschkapp Frankfurt

Konzert am 19. Februar 2017

The Notwist – die Unscheinbaren auf dem Schulhof der Bands. Medial sind sie kaum präsent und doch haben sie seit mehr als 25 Jahren Erfolg und den Ruf, etwas Besonderes zu sein – nicht zuletzt in ihren Live-Shows. Diesem folgten am vergangenen Sonntag jede Menge Leute in die Frankfurter Batschkapp. Warum das Konzert grandios war und doch manchmal zur Sound-Folter ausartete, berichte ich euch hier, genauso, warum ich The-Notwist-Texte nun eher als lyrische Fragmente begreife und mir einmal fast der Kragen geplatzt wäre.

Die Bühne ist voll. Verdammt voll: Gitarre, Schlagzeug, Xylophon, Synthesizer, eine Unmenge an Kabeln, ein geordnetes Chaos. Dazwischen die sechs Bandmitglieder von The Notwist, unscheinbar-lässig in T-Shirts und Hemd. Fast wirken sie wie Studenten in einem Uni-Proberaum und man wäre nicht überrascht, wenn man dort über sie stolpert, in ihrer Musik versunken, inmitten der ganzen Instrumente und Kabeln. Nur das grau melierte Haar verrät: Rund 28 Jahre Bandgeschichte haben ihre Spuren im Bart- und Haargestrüpp hinterlassen. Nur die Stimme von Sänger Markus Acher widersetzt sich allen Gesetzen der Zeit und klingt zeitlos jung. Ein kurzes “Guten Abend” ans Publikum und los gehts.

It is alI so obvious / You can see the signs up in the trees”. Die ersten Zeilen des Songs “Signals” aus dem großartigen und achten Studioalbum “Close to the class” (2014) hypnotisieren sofort. Und da ist er, der melancholisch-stoische Gesang. Keine große Stimme, aber echt und unverwechselbar. Und dann…der Boden zittert! Der Bass bringt die Batschkapp zum Beben, fährt durch Magenwände und ich weiß: Heute Abend werden neue musikalische Türen aufgemacht!

War während der ersten zwei Songs das Eis noch nicht gebrochen, explodiert es spätestens beim dritten Song „Kong“: Gitarrenlastig, treibend, spätestens jetzt steht niemand mehr still: „Something more than this / Don’t be long / Others are coming in, others are coming in / House will fall, and we’ll go on

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Die Qualität meiner verwackelten Handyfotos ist bescheiden, deshalb tue ich euch hier nicht mehr als zwei Bilder an.

Am ersten experimentellen Höhepunkt des Abends sind die sechs Musiker spätestens zwei Lieder später angekommen mit “Into the tune”. Schon auf der Platte ein durchstilisiertes Lied, gesellen sich zu zarten Glockenklängen live nochmal gefühlt tausend Töne. Dazu meine persönlichen Lieblingszeilen: “Stop to lie / and all of a sudden it breaks / Stop to lie
Es entsteht eine fast nicht mehr fassbare Klangfülle, jede Millisekunde ist von einem Ton besetzt.Doch gerade dies entwickelt sich immer mehr zur Schwäche des Konzertes.

Ohne Frage, es sind sechs Vollblutmusiker, die da auf der Bühne stehen. Selbstvergessen drehen sie ihre Loops, schlagen helle Glockentöne an, zupfen Seiten. Andi Haberl ist großartig als treibender Hammer am Schlagzeug, das die Songs mit einer unbekannten Kraft füllt, die sie auf den Studioalben nicht haben.
Aber am Ende ist es von allem ein bisschen zu viel. Fast jeder Song endet mit einem minutenlangem Klanggewitter, das einen Oben und Unten vergessen lässt. Manch einer mag davon nicht genug bekommen – mir ist es zuviel. Zu lang, zu ausufernd. Ein bisschen mehr Gesang hätte mich gefreut. Und ab und zu ein knackiges Ende.

Aber vielleicht verkenne ich genau da die Intention von The Notwist, die wahre Tüftler sind und fremde Welten aus Klängen erschaffen. Text und Gesang sind nicht die Protagonisten – sie sind die Freunde der Hauptfigur, und die heißt Sound.

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Die Bühne explodiert?! Nein, nur wilde Stroboskoplichter zum Klanggewitter.

So ist es vielleicht zu erklären, dass die Texte von The Notwist häufig wie Fragmente wirken: knapp, kryptisch, lyrisch. Der Interpretationsspielraum ist vielfältig. So geht es, – meiner Meinung nach – in “One with the freaks” um eine Person, die ihre soziale Anerkennung verliert (You’ll no longer be kissed and kind / Have you ever, have you ever been all messed up?), in “This room” (No matter / what we say, no matter what we think / We will never, we’ll never leave this room) vielleicht (!) um die menschliche Konstitution an sich, in einem sterblichen Körper gefangen zu sein, obwohl unsere Vorstellungskraft schier unendlich ist. Oder auch schlicht um die Verzweiflung einer jungen Band, die nicht daran glaubt, je Erfolg zu haben und es aus dem Proberaum zu schaffen…
Doch obwohl sie nur Nebendarsteller sind – Gesang und Lyrics vermögen zu fesseln am Sonntagabend in der Batschkapp. Besonders in stillen Momenten, in denen Markus Archer fast ausschließlich zur Gitarre singt.

Und damit leite ich über zu meinem – etwas erzürnten – EXKURS:
Umso weniger kann ich dann verstehen, warum manche Menschen in diesen Momenten einfach nicht still sein können. Warum sie nicht einfach nur zuhören können. [Lieber Mitbürger, wenn ich dich noch drei Reihen weiter vorn höre und du lauter bist als die Band, solltest du dir überlegen, ob du wirklich das richtige Abendprogramm gewählt hast!] Keine Ahnung, warum manche Leute auf ein Konzert gehen, um sich nonstop mitzuteilen. Dafür gibt es bessere Orte. Stört es euch auch, wenn Menschen hinter oder vor euch auf Konzerten permanent quasseln? Hattet ihr schon mal ähnliche Erlebnisse? Schreibt mir in die Kommentarfunktion, wenn ihr möchtet, ich freu mich!

Aber zurück zu The Notwist. Zwei Zugaben später steht dem Sextett die Spielfreude deutlich ins Gesicht geschrieben. Dass die Abfolge der Song sorgfältig komponiert ist, wird spätestens hier klar: Neben „Gone Gone Gone“ entlässt der Song “Consequences” das Publikum in die kalte Nacht, mit den Zeilen: “Fail with consequence / Lose with eloquence / And smile”. Letzteres machen so ziemlich alle Leute am Ende dieses tollen Konzertes. Danke, The Notwist!

© Jana Benke

Die drei Alben, die man kennen muss:

  • 2002: Neon Golden
  • 2008: The Devil, You + Me
  • 2014: Close to the glass

Zum Weiterlesen:

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