Warum AnnenMayKantereit so lala sind und Isolation Berlin richtig cool

Deutschsprachige Bands sind zurzeit der “Shit”. Allen voran AnnenMayKantereit, die im Feuilleton hoch und runter besprochen werden und deren Name beim Hurricane Festival so groß geschrieben ist, wie der so mancher gestandener Band. Obwohl sie erst vor kurzem ihr erstes Album herausgebracht haben!
Gleichzeitig tauchten Isolation Berlin an meinem musikalischen Horizont auf, empfohlen von „Kulturzeit“: eine junge Band aus – logisch – Berlin.

Schon seit einiger Zeit juckt es mich in den Fingern, diese beiden Bands zu vergleichen. Ähnliches Alter, raue Stimmen, handgemachte Musik, deutsche Texte – das bietet sich doch quasi an. Was jetzt folgt, ist eine hochgradig subjektive Betrachtung.

Sieht man AnnenMayKantereit im Fernsehen, begegnet man vier netten Jungs von nebenan. Die Sorte Jungs, die mit ihren coolen Mützchen am liebsten auf WG-Partys abhängen, dort ab und zu mal am Joint ziehen, nicht so recht wissen wohin und auf die heimlich alle Mädchen fliegen, weil sie so verdammt süß sind.

Ganz anders, Isolation Berlin. Sehen die fertig aus. Allen voran, Sänger Tobias Bamborschke. Mit tiefen Augenringen und trostloser Miene schaut er auf den – oft schwarzweißen – Fotos der Kamera entgegen. Wenn man ihn so sieht, kann man kaum glauben, was er für Energie in seinen Liedern entwickelt. Und die ist so mitreißend, das man einfach nur sprachlos sitzen bleibt. Und unbedingt jedes Wort verstehen will, was nicht immer einfach ist bei dem Genuschel.
Sein Stimmrepertoire haut um. Er säuselt, flüstert, trällert die schönsten Melodien, schreit, quäkt und singt wie ein Irrer.

Ein Repertoire, das AnnenMayKantereit-Sänger Henning May fehlt. Beim ersten Hören mag seine Whiskey-Stimme beeindrucken, doch nach wenigen Liedern hat man sich daran gewöhnt und es gibt nichts mehr zu entdecken.

Was für mich aber den größten Unterschied zwischen den beiden Bands macht, sind die Texte (um endlich den Bogen zum Blog zu schlagen!). 

Warum der „Wahnsinn“ die „Altbauwohnung“ schlägt

AnnenMayKantereits Texte handeln zum Großteil über irgendeine verflossene Liebe. Ja, ok, manchmal singt der Sänger über seinen Vater, über das Gefühl nicht zu wissen wohin (in „21,22,23“, das stärkste Lied), aber unterm Strich: “Alles nix konkretes”.

“Ich würde gern mit dir in einer Altbauwohnung wohnen” – sorry, aber muss man darüber ein Lied schreiben? Alles ganz nett anzuhören, aber man verpasst auch nix, wenn man’s im Hintergrund laufen lässt. Ein bisschen Klavier hier, ein bisschen schnellerer Rhythmus da – musikalisch haut das nicht vom Hocker. Und es lässt einen das Gefühl nicht los, alles was man hört, sei eigentlich nur halb so schlimm, denn: “Es geht mir gut. Es geht mir eigentlich immer gut.”

Ganz anders Isolation Berlin. Da geht es natürlich auch um die Liebe, denn Sänger Tobias hatte sich in Berlin von seiner Freundin getrennt und driftete danach ab in die Einsamkeit und Depression. Bars waren sein Zuhause und am Schlachtensee war er ziemlich oft allein. Die Lieder, die aus diesen Erlebnissen geflossen sind, sind echt und direkt. Kostproben: “Der Wahnsinn hält mich warm“, „Ich habe endlich keine Träume mehr” “Der Anfang deiner Liebe ist das Ende meiner Wut”, “Ich fresse und ich fresse, doch ich krieg’ den Hals nicht voll”. Und: “Man hat uns gesagt, wahre Schönheit käme von innen. Was ist das für ein Mist, wenn man innerlich völlig zerfressen ist?” 

Das sind nur einige von vielen grandiosen Liedzeilen, die überraschen, aber zugleich einen Nerv treffen. Klar, es liegt eine dicke Schicht Pathos darüber, und nicht alles muss man bierernst nehmen, aber es stehen echte Emotionen dahinter. Und ein Riesentalent. Das spürt man in jeder Note, in jedem gesungenen Wort. Das macht die Faszination dieser Band aus. Und dabei haben sie vielfältige Themen: Maßlosigkeit, Ruhm, Drogen, Selbsthass, Stadtflucht, Wahnsinn…

Ja, das mag vielen zu traurig, negativ sein, aber wer die Stadt Berlin kennt, weiß, dass, so aufregend sie ist, so sehr kann sie auch herunterziehen (besonders im Winter). Unter all den zahllosen Menschen, in dieser gigantischen Stadt mit ihren hässlichen Seiten, ist es leicht zu vereinsamen als Neuzugezogener. Und dieses Gefühl treffen Isolation Berlin perfekt. Ach ja, und auch die Musik geht nach vorne. Ob melancholisch langsam oder rockig schnell – die Band beherrscht beides. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Hört euch unbedingt mal Isolation Berlin an! Ihr werdet es lieben – oder hassen. 

© Jana Benke

Anspieltipps:

„Meine Damen und Herren“, „Alles grau“, „Produkt“, Fahr weg“, „Herz aus Stein“…ach, eigentlich alle. 😉

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Berliner Schule/Protopop *
Und aus den Wolken tropft die Zeit *

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10 Kommentare zu „Warum AnnenMayKantereit so lala sind und Isolation Berlin richtig cool

  1. Endlich mal jemand, der es anspricht! In meinem Umfeld hören auch so einige AnnenMayKantereit und ich sitz dann immer da und denke mir meinen Teil…
    Isolation Berlin kenne ich jetzt nicht (ist vermutlich wie AnnenMayKantereit auch nicht 100% meine Musik) aber man kann ja nie wissen, ob man etwas mag, bevor man es nicht versucht hat…

    Übrigens: Deine Blog-Idee-Konzept-Dings finde ich cool! 🙂

    LG

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    1. Hallo Marie, vielen Dank für deinen Kommentar! Freut mich, dass es dir ähnlich ergeht 🙂 Was ist denn mehr deine Musik?
      Vielleicht kannst du Isolation Berlin für dich entdecken. Es braucht eine Weile, bis die Musik wirkt, aber schließlich erwischt man sich dabei, wie man einzelne Strophen vor sich hinsummt. 😀

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      1. Meine Musik… Naja grundsätzlich alles, was sich in den Bereichen Rock, Punk und Metal und seinen Untergruppen ansiedelt ^^
        Wo wir grade bei Berlin sind: kennst du „Stakeout“? ^^

        So eine unterschwellige Ohrwurm-Musik also, hm? 😀

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  2. Überschrift gelesen, Isolation Berlin angemacht und mir direkt eine Meinung gebildet. Sehr spannender Vergleich.
    AnnenMayKantereit überzeugt im ersten Moment auf jeden Fall durch die rauchige Stimme des Sängers, so viel steht fest. Seitdem steht das Album in meinem Regal. Im Auto angeschmissen sind mir auch direkt die sehr einseitigen Songtexte aufgefallen.
    Isolation Berlin kann ich nur anhand der wenigen Minuten beurteilen, die ich sie seit Lesen und Kommentieren des Beitrags höre. Ich finde, man kann die Stimmen gar nicht vergleichen. Für mich ist die Stimme von Isolation Berlin eintöniger und gewohnter. Mag er auch eine höhere Range haben, stimmlich catcht mich diese Band weniger. Textlich habe ich mich noch nicht genug reingehört, aber im ersten Moment klingt es eindeutig ideenreicher als AnnenMayKantereit.
    Ich finde die beiden Bands sind zwei verschiedene paar Schuh. In meinen Augen nicht zu vergleichen. Melodisch und gesanglich berührt AnnenMayKantereit einfach auf Anhieb und spricht mit seinem Liebesgejaule die breite Masse an. Isolation Berlin ist eher was für Textliebhaber, die Tomte und Kettcar auswendig lernen und alleine auf Partys mitsingen, während die sonst keiner kennt. Ich gehöre zu beiden Sorten Musikliebhaber. Auf der einen Seite oberflachlich, leicht zu beeindrucken und auf der anderen Seite tiefgründig und textverliebt.
    Zusammenfassend kann ich aber sagen, dass ich es immer großartig finde, wenn deutsche Bands etwas aus der deutschen Sprache machen und sie in seiner Vielfältigkeit nutzen. Also nicht im Stile von Silbermond-Kotzreiz-Ohrenschmerz-Gedudel.

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    1. Erstmal vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! 🙂
      Mag sein, aber ich habe trotzdem den Vergleich gewagt und gebe dazu, dass dabei auch kalkulierte Provokation mitschwingt. 😉 Auch weil zu der Zeit Annenmaykantereit so gehypt wurde und ich etwa zeitgleich Isolation Berlin entdeckte und dachte, Mensch, die sind doch viel besser. Naja, und beides sind Bands mit Mitgliedern in den 20er, die auf Deutsch singen und Gitarrenmusik machen. So ein bisschen lag der Vergleich dann doch auf der Hand. Aber wie so vieles, ist es auch hier pure Geschmackssache, wen man besser findet, und ich gebe auch zu, dass Isolation nicht für jedermann was ist, da die Musik bis oben hin mit Weltschmerz und Traurigkeit gefüllt ist.
      Bin gespannt, was du sagst, solltest du Isolation weiterhören, ich habe ein paar Durchläufe gebraucht, bis sie voll eingeschlagen haben.

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      1. Der Vergleich funktioniert auf jeden Fall repräsentativ für Bands mit tiefsinnigen Texten und Bands mit eher melodischen oder stimmlichen Catch-Potential. 🙂 Ich kann Bands wie Tomte und Kettcar eine Menge abgewinnen, brauche allerdings die Stimmung dafür 😀 Sollte ich mal wieder in einer traurigen deutschsprachigen Stimmung sein, hör ich es mir auf jeden Fall nochmal an 😀
        Auf jeden Fall ein guter Musiktipp, danke dafür 🙂

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  3. ich bin ganz klar pro Isolation Berlin. Bessere Texte, bessere Musik. Bei AMK hab ich einfach das Gefühl, dass ich mit meinen gut 40 Lenzen zu alt für die Musik, resp. den Gymnasiasten Lyrics bin. Muss aber zugestehen, dass die Jungs doch auch 2-3 ordentlich tolle Songs im Repertoire haben.

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    1. Guter Punkt, man kann Musik auch entwachsen oder einfach zu alt für eine Band sein. Vielleicht ist es auch einfach das, was mir an AKM nicht gefällt. Dass ich mit fast 30 auch nicht mehr zu dieser Generation gehöre. Andererseits Isolation Berlin sind ja auch ungefähr in dem Alter wie AKM…
      Schön ist, wenn eine Band mit einem selbst mitwächst, neue Themen und Ansätze findet, kann man ihr auch lange Zeit treu bleiben. Bin gespannt, was Isolation Berlin auf ihrer nächsten Platte so auf die Beine stellen.

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