Textlupe

Elbow „New York Morning“ – eine Liebeserklärung

Hat Musik bei euch schon mal den Wunsch ausgelöst, eine Stadt unbedingt sehen zu wollen? New York ist mein Sehnsuchtsort, denn gleich zwei großartige Bands beschäftigen sich mit dieser Stadt. Die dänische Band Kashmir und Elbow aus dem UK. Beide haben ihren Tribut an die Stadt, die niemals schläft, in Musik gegossen. Was ist nur an dieser Stadt, dass ihr so viele musikalische Denkmäler gesetzt werden? Ich hoffe, ich werde es eines Tages herausfinden.

Elbows „New York Morning“ ist auf dem Album “The take off and landing of everything” zu hören. Die Platte ist stark inspiriert von Sänger Guy Garveys Ex-Freundin, der Sängerin Emma Jane Unsworth. Beide waren bis 2013 zehn Jahre zusammen. In dieser Zeit besuchten sie zusammen New York und schrieben ihre Eindrücke in einem Tagebuch nieder. Zeilen davon sind wohl wortwörtlich in den Song eingegangen, wie Guy Garvey in einem Interview dem Radio XFM am 24. Januar 2014 erzählt: “The lyrics were ‘pretty much verbatim, 6 o’clock in the morning, in Manhattan in the Moonstruck Café [named after the 1987 film Moonstruck], it’s verbatim how I was feeling as the city was waking up.“

The first to pour a simple truth in words
Binds the world in a feeling all familiar
‚Cause everybody owns the great ideas
And it feels like there’s a big one round the corner*

Diese ersten Zeilen mit einer sonoren, ruhigen Stimme, nur begleitet von einem elektronischen Instrument, dass einen flimmernden Sound erzeugt: wie die Sonne, die langsam zwischen den Wolkenkratzern aufgeht.
Und dann setzt das Schlagzeug ein:

Antenna, up and out into New York
Somewhere in all that talk is all the answers
And oh, my giddy aunt, New York can talk
It’s the modern rome where folk are nice to Yoko*

Die Antenne steht symbolisch für die Ohren des Sängers, die sich hier und dort hinwenden, den Gesprächen lauschen, im Mantel der Anonymität der riesigen Stadt. Hier kann man sein, wer man ist, unbeobachtet und ohne verurteilt zu werden.
Und wenn man genau hinhört, kann man in den Gesprächen der Menschen vielleicht sogar einige Erkenntnisse für sich entdecken – welcher Art auch immer.

Die letzte Zeile spielt auf Yoko Ono und John Lennon an, die ab 1971 in New York lebten. Zuvor war Ono in Großbritannien von der Boulevard-Presse regelrecht gehetzt worden, die ihr die Schuld für die Scheidung von Lennon und seiner Frau und an der Auflösung der Beatles gaben. In New York lebten sie unbehelligt, verschont von scharfen Pressezungen.

Every bone of rivet steel, each corner stone an anchor
Jenga jutts and rusty water tower, pillar-posted sign
Every painted lining battered, like a building in this town
Sings a life of proud endeavor and the best that man can be*

Obwohl die Stadt offensichtlich schon ziemlich mitgenommen und abgenutzt ist (“rusty”, “battered”), erkennt der Sänger überall ein stolzes Bestreben der Menschen zum Besten – sie haben ihre Stadt aufgebaut und geformt.

Me, I see a city and I hear a million voices
Planning, drilling, welding, carrying their fingers to the nub
Reaching down into the ground, stretching up into the sky
Why? Because they can, they did and do so you and I could live together*

Der Sänger wird förmlich von der Stadt aufgesogen, er meint, Millionen von Stimmen zu hören, die in der Stadt leben und werkeln, sie am Leben erhalten, so dass alle weiterhin frei und unbehelligt leben können.

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Oh my God, New York can talk
Somewhere in all that talk is all the answers
Everybody owns the great ideas
And it feels like there’s a big one round the corner*

Ob Berlin, Paris, London oder eben New York: Millionenstädte sind ein Schmelztiegel für die unterschiedlichsten Arten von Menschen, die ihr Leben auf die bestmöglichste Art führen wollen. Kreative zieht es aus gutem Grund in die großen Städte. In manchen Vierteln meint man an jeder Straßenecke zu spüren: Hier entsteht etwas Großes, hier werden Ideen geboren! Dies wiederum kann sehr inspirierend für das eigene Leben sein. Auch für den Sänger fühlt es sich so an, als ob hinter jeder Straßenecke eine neue, grandiose Idee wartet. Was für eine – das bleibt ein Geheimnis und kann für jeden Hörer etwas anderes bedeuten.

The way the day begins
Decides the shade of everything
But the way it ends depends on if you’re home
For every soul, a pillow at a window, please
In a modern rome, where folk are nice to Yoko*

Was für ein einfache und doch elementare Wahrheit in diesen Zeilen steckt: Die Art und Weise, wie ein Tag startet, ob stressig oder entspannt, hat Einfluss auf den weiteren Verlauf und in welchem Licht die Dinge erscheinen. Doch noch wichtiger ist – zumindest laut des Songs -, ob man sich zum Tagesende an einem Ort befindet, den man sein Zuhause nennt.
Und so wünscht der Sänger jedem ein Kissen vor dem Fenster, mit Blick nach draußen, in die Welt, aber trotzdem in der Sicherheit der eigenen vier Wänden. Und am besten in einer Stadt wie New York, die niemanden verurteilt, nicht einmal Yoko Ono.

*(„New York Morning“, written by Guy Edward John Garvey, Craig Lee Potter, Mark Potter, Peter James Turner and Richard Barry Jupp; Quelle)

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