Neidischer Teufel

„Bliss“ von Muse, zu hören auf Origin of Symmetry (2001)

Wer von uns ist schon ein guter Mensch? Ich meine, so richtig gut?  Viel zu oft sind wir voller Groll über unsere Mitmenschen, ungeduldig und genervt. Umso faszinierter bin ich von – leider seltenen – Menschen, die immer friedlich, geduldig sind und eine Liebe ausstrahlen, die einen den Atem raubt.

Davon handelt für mich das Lied “Bliss” von Muse.

“Everything about you is how I’d want to be”

Ein eindeutiger, aber dadurch nicht minder starker Satz: Der Sprecher möchte so werden wie die bewunderte Person.

“Your freedom comes naturally”

Von welcher Freiheit ist die Rede? Für mich bedeutet sie ein Zustand, den nur wenige wohl erreichen: die Freiheit davon anderen zu gefallen. Diese Person lebt aus sich selbst heraus, ohne sich um die Meinung anderer zu kümmern, aber nicht aus Ignoranz oder Arroganz heraus, sondern weil sie ihrer innere Stärke aus lebt.

“Everything about you resonates happiness”

Klarer Fall: alles, was diese Person tut, macht glücklich. Vor allem andere.

“Now I won’t settle for less”

Gesungen mit einem leicht aggressiven, drängenden Unterton. Der Erzähler will sich mit nichts weniger als diesem Glück der anderen Person zufrieden geben. Er will es haben.

“Give me  all the peace and joy in your mind”

Für mich klingt hier auch Verzweiflung durch. So als wüsste er, dass er diesen Frieden und diese Freude nie erreichen kann.

“Everything about you pains my envying”

Jetzt wird’s noch düsterer. Alles an der bewunderten Person, ruft Neid hervor, der wehtut. Bis hin zu Hass.

“Your soul can’t hate anything”

Auch das noch! Nun fühlt sich der Sprecher noch minderwertiger.

“Everything about you is so easy to love”

Man möchte den Boden küssen, auf denen diese Menschen gegangen sind.

“They’re watching you from above”

Das ist die Zeile, die mich in Grübeln brachte, ob hinter dem Lied nicht doch noch eine religiöse Bedeutung steckt. Wer sind “sie”? Und warum beobachten sie diese engelsgleiche Person von oben? Noch ein Hinweis: “Judgement from above”, zu gut Deutsch: Die Strafe Gottes.

So könnte es also in dem Lied um einen Heiligen gehen: Unbescholten, voller Rückhalt, heiter in Gemüt, in Gedanken und Taten, alle Menschen liebend.

Aber was sagen andere Leute zu „Bliss“? Auf songmeanings.net schreibt mejoff:  “I’ve always heard this song (especially in the context of the video) as the thoughts of a Miltonian Satan on Humanity. […] something about how the word ‚they‘ feels in this line is loaded with so much hatred, like the hatred Satan feels for the loyal angels above”

User floozy schreibt: “I saw an interview in which matt bellamy said that this song is about loving somebody just for who they are and not wanting anything in return.” 

Aber ob das so wahr ist? Nichts zurück haben wollen? Ich finde, dafür ist der Song zu fordernd, drängend: “GIVE me all the peace and joy in your mind”

Wahrscheinlich wollte Matt Bellamy nicht mit der wahren Bedeutung rausrücken, was ja als Künstler sein gutes Recht ist.

Was meint ihr? Warum geht es in Bliss (für euch)?

 

29 Jahre Einsamkeit

„Slow Show“ von „The National“, zu hören auf „Boxer“ (2007)

Ach ja, die Liebe. Über nichts in der Welt werden so viele Lieder gesungen. Leider nicht immer Gute.

Aber heute will ich euch einer meiner absoluten Lieblingsliebeslieder vorstellen: Slow Show, von der US-amerikanischen Band „The National“. Darin: Mit die schönsten Zeilen über die Liebe, die je geschrieben wurden.

Das Lied ist einfach hinreißend und verfehlt es niemals, mich glücklich zu machen. Aber sehen wir uns den Text mal näher an.

“Standing at the punch table, swallowing punch. Can’t pay attention to the sound of anyone.”

Wir haben es mit einem sehr nervösen Erzähler zu tun, der ziemlich viel einstecken muss. Wahrscheinlich im metaphorischen Sinn.

“A little more stupid, a little more scared. Every minute, more unprepared.”

Hier spricht jemand, der sich äußerst unwohl fühlt in Gesellschaft: unsicher, ängstlich und kaum fähig zu handeln.

“I made a mistake in my life today. Everything I love gets lost in the drawers”

Welchen Fehler hat der Erzähler gemacht? Das bleibt offen. Und: Alles, was er liebt, ist in Schubladen verloren gegangen? Ziemlich rätselhaft. Vielleicht hat ,drawers‘ ja noch eine andere Bedeutung, die sich mir nicht erschließt?

“I want to start over, I want to be winning. Way out of sync from the beginning”

Alles in ihm schreit nach Veränderung, einem Neustart.

“I wanna hurry home to you. Put on a slow, dumb show for you and crack you up”

Hier gewinnen die Musik und der Gesang an Kraft. Der Erzähler möchte Heim laufen zu seinem geliebten Menschen und diesen mit seinen Albernheiten zum Lachen bringen.

“So you can put a blue ribbon on my brain. God, I’m very, very frightened, I’ll overdo it”

Schon wieder ein rätselhaftes Bild: Warum lässt sich der Erzähler eine blaue Schleife um seinen Kopf (Gehirn?) binden? Möglicherweise ist es ein Symbol der Huldigung, der Krönung. Die blaue Schleife macht ihn zum Teil der normalen Menschen. So ähnlich sieht es auch crookedlegs auf songmeanings.net: “He’s awkward and desperately wants approval from the person he’s in love with (to give him a ‚blue ribbon‘).”

Aber warum ist er dann so verängstigt? Vielleicht, weil er sich zum ersten Mal auf jemanden mit Haut und Haaren einlässt. Das macht ängstlich und verletzbar.

„Looking for somewhere to stand and stay. I leaned on the wall and the wall leaned away”

Ein schönes Bild mit etwa derselben Bedeutung von “Unter mir wankt der Boden”. Der Erzähler ist verliebt.

“Can I get a minute of not being nervous. And not thinking of my dick?”

Und zwar so richtig verliebt. Und scharf wie Schmidts Katze.  Gleichzeitig scheint er etwas gequält von seinen sexuellen Gedanken.

“My leg is sparkles, my leg is pins. I better get my shit together, better gather my shit in”

Seine Beine sind butterweich, und ihm wird klar, dass er sich zusammenreißen muss. In diesem Moment, aber auch generell im Leben.

“You could drive a car through my head in five minutes. From one side of it to the other”

Dieses Bild ist mir schleierhaft. Vielleicht symbolisiert es die Leere in seinem Kopf?

Bis hierhin zeichnet das Lied das Bild eines ängstlichen, unsicheren Menschens, der wahrscheinlich zum ersten Mal richtig verliebt ist und von zig Ängsten geplagt wird. Doch als das Piano einsetzt, endet der nervöse Rhythmus und das Lied wird kristallklar.

“You know I dreamed about you.
For twenty-nine years before I saw you.
You know I dreamed about you.
I missed you for, for twenty-nine years”

Schöner kann eine Liebeserklärung nicht klingen. Er legt seine Zweifel und Ängste ab und erkennt, dass sie alles ist, wovon er sein gesamtes Leben geträumt hat. Oder wie hearditthere auf Songmeanings.net sagt: „It’s how The National says ,You complete me.’”