Gregor Samsa im Rausch

„Let down“ von Radiohead, zu hören auf „Ok Computer“ (1997)

Jeder Mensch, der Musik liebt, hat meiner Meinung nach ein Erweckungserlebnis. Eine erste große Liebe, die alle musikalischen Liebschaften davor wie einen Witz aussehen lässt. Eine Band, die die Ansicht auf Musik nachhaltig prägt, ja, sogar die gesamte (Um-)welt in ein neues Licht taucht.

Für mich ist diese Band Radiohead aus Oxford.

Radiohead und ich begegneten uns im Januar 2008. Das Schlüsselerlebnis: die Platte “The Bends”, über die ich vorher soviele begeisterte Rezensionen gelesen hatte. Nun wagte ich es, mir die Platte zum Geburtstag zu wünschen.

Eigentlich kannte ich Radiohead schon aus meiner Schulzeit, von 2002. Damals, als es noch MTV2 gab, fiel mir das Lied “Pyramid Song” ins Ohr. Ich liebte diesen depressiven Sound und das wummernde Klavier. Gleichzeitig entwickelte ich eine alberne Angst vor dieser Band: vor einem existenzialistischen Sound, der jede Hoffnung nimmt. (Man sieht, ich hatte in dem Alter den Pyramid Song noch nicht verstanden, dessen Message ja gar nicht so hoffnungslos ist).

Meine Sorge war unbegründet: Der Sound von „The Bends“ war rockig, aber anders, einfach großartig. Ich hörte die große Kunst dahinter und war ab da rettungslos verliebt in diese Band. Innerhalb weniger Wochen holte ich mir alle damals verfügbaren Alben – von „Pablo Honey“ bis „In Rainbows“. Ein netter Kerl, den ich auf einem Radiohead-Konzert im Juli 2008 in Berlin traf, sagte zu mir, Radiohead in wenigen Wochen kennenzulernen, sei wie ein Crash-Kurs in Philosophie zu machen. Das blieb mir im Gedächtnis, obwohl es natürlich heillos übertrieben war. Aber ein Körnchen Wahrheit steckt schon drin, denn ich finde, Radiohead produzieren für mich eine der musikalisch komplexesten Musik, für die es mehrmaliges Hören braucht und die sowas von nicht sofort ins Gehör geht. Erst spät setzt sie sich fest und dann für immer.

Wie ist es bei euch? Habt ihr eine Lieblingsband, die euch musikalisch die Augen öffnete und der ihr deshalb die ewige Treue schwört?

So, genug der Vorrede. Jetzt möchte ich mich mit einem der genialsten Songs beschäftigen,  die von Radiohead existieren: „Let down“. Ein großartiges Stück Musik, das auf dem 1997 erschienenen Album „Ok Computer“ zu finden ist. Es ist musikalisch so komplex, dass es Radiohead so gut wie gar nicht live spielen. Schade eigentlich. 

“Transport, motorways and tramlines,
Starting and then stopping,
Taking off and landing,
The emptiest of feelings”

Bei diesen Zeilen muss man eigentlich die Stimme von Thom Yorke hören. Der monotonste Gesang auf der ganzen Welt und gleichzeitig so ausdrucksstark. Vor dem inneren Auge zieht der alltägliche Wahnsinn von Menschen in Autos, Zügen und Flugzeugen, die überall und nirgendwo hineilen.

“Disappointed people, clinging on to bottles,
And when it comes it’s so, so, disappointing.”

Wow, was für ein Bild: Enttäuschte Leute, die sich gegenseitig zuprosten, ausgebrannt und einsam, die sich an nichts anderes festhalten können als an ihrer Flasche. Wer hat es nicht schon mal gefühlt, diese Leere, wenn man abends in einer Bar ist, wissend, dass die Leichtigkeit nur auf der chemischen Wirkung von Alkohol basiert und die wirkliche Welt doch ganz anders ist? 

“And when it comes….” Was ist dieses “es”? Eine Interpretation ist, dass dieses ,es‘ der Rausch ist, der ein schales Gefühl hinterlässt. Man schwingt sich in höchste Höhen, fällt danach aber umso tiefer. Und wie oft hofft man in durchzechten Nächten auf etwas Großartiges und es kommt nicht?

“Let down and hanging around,
Crushed like a bug in the ground.
Let down and hanging around.”

Ein trostloses Bild. Menschen, wie Käfer  auf dem Boden zerdrückt. Eine Metapher für unsere Nichtigkeit in dieser Welt.

Ein kluger Kommentator auf songmeanings.net sieht darin eine direkte Verbindung zu Kafkas “Die Verwandlung”: Let Down‘ picks up where Kafka’s ‚Metamorphosis‘ protagonist, a grotesque man-turned-insect, is giving up hope in his life’s worth and contemplating whether society would be better off if he were dead.” 

“Shell smashed, juices flowing
Wings twitch, legs are going,
Don’t get sentimental, it always ends up drivel.”

An diesem Punkt komme ich zu dem Schluss, dass die Lyrics wahrscheinlich einen Alkoholrausch beschreiben: der Fall auf den Rücken und die Unfähigkeit, sich von selbst zu erheben (“…like a bug…) und die Sentimentalität, die Betrunkene so gern übermannt. Kommentator mayday882 hat noch weitere interessante Anmerkungen: Ok, when you are drunk your „shell“ or your protective gaurd is smashed by the alcohol…you open up and you are not as tight. The „juices are flowing“ as the alcohol absorbs itself into your bloodstream and your wings twitch (you feel lighter, better) and your legs are going (maybe your dancing…)” 

“One day, I am gonna grow wings,
A chemical reaction,
Hysterical and useless
Hysterical and”

Einige sehen hier ein Indiz dafür, dass in dem Lied nicht die Hoffnungslosigkeit siegt, sondern der Sprecher der Eintönigkeit entflieht und zu einer authentischen Identität findet. Um Kommentator imbalance zu zitieren: ‚Let Down‘ is so inspiring because Yorke doesn’t give up hope; he has faith he will endure the insect stage and the crushing societal torment it brings; one day he is going to develop into a butterfly and be free. Existence precedes essence.” 

Ich finde, wenn man die Musik hört, dann kann man es durchaus so sehen. Ab diesem Punkt verliert Thom seine monotone Stimme, weitere Instrumente setzen ein, alles wird klarer und lichter und steigert sich bis hin zu dem unglaublichen schönen Höhepunkt, der mir noch nach all den Jahren Gänsehaut beschert:

“You know, you know where you are with,
You know where you are with,
Floor collapsing, falling, bouncing back
And one day, I am gonna grow wings,
A chemical reaction, (You know where you are)
Hysterical and useless (You know where you are)
Hysterical and (You know where you are)”

Aber wie passen die Worte hysterical und useless in diese Interpretation? Ehrlich gesagt, kann ich mir daraus keinen Reim machen. Ihr?
Da folge ich lieber weiter mayday882, der/die schreibt:
The alcohol gives you hope for a brighter future („one day I’m going to grow wings), but at its most basic level this is just a „chemical reaction“ in your body. Hysterical and useless…”

Mein Fazit: Es ist wohl nie ein besseres und klügeres Lied über Alkohol geschrieben worden.